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Warum der Wald heilt

Die stille Entfremdung: Warum wir den Zaunkönig nicht mehr kennen

60% weniger Naturverbundenheit

Erst verschwindet die Begegnung, dann das Wort, dann das Interesse. Ein Essay über das Aussterben der Erfahrung, wandernde Maßstäbe und Eicheln, die aus einem Kinderwörterbuch fielen.

10. August 2025 · 8 Min. Lesezeit

Im Unterholz raschelt etwas, kaum größer als eine Walnuss. Braun auf Braun, das Schwänzchen steil nach oben gestellt, dann ein Gesang, so laut und schmetternd, dass man nicht glauben will, er komme aus diesem winzigen Körper. Ein Zaunkönig. Man bleibt stehen, lauscht – und fragt sich plötzlich, wie viele Menschen, die hier vorbeigehen, ihn überhaupt bemerken würden. Und wie viele seinen Namen noch kennen.

Diese Frage ist kleiner, als sie klingt, und größer, als man glaubt. Denn der Verlust, um den es hier geht, die Naturentfremdung, macht keinen Lärm. Es fällt kein Baum, es brennt kein Wald. Es verschwindet nur, ganz allmählich, ein Wissen, ein Blick, eine Gewohnheit. Und weil niemand sein Fehlen bemerkt, fehlt es bald niemandem mehr.

Ein Kind, ein Kanal, ein verlorenes Stück Land

Der amerikanische Schmetterlingsforscher Robert Michael Pyle hat diesem leisen Schwinden 1993 einen Namen gegeben. In seinem Buch The Thunder Tree erzählt er von seiner Kindheit am Rand von Denver, am High Line Canal, einem alten, aufgegebenen Bewässerungsgraben. Dort, zwischen Pappeln, Brachland und verwilderten Feldern, fand er als Junge seine Zuflucht und seine Lebensfrage. Später sah er zu, wie die Vorstadt wuchs und die freien Flächen unter Häusern verschwanden, und mit ihnen manches Tier, das er als Kind gekannt hatte.

Pyle nannte das, was dabei verloren geht, die extinction of experience, das Aussterben der Erfahrung. Gemeint ist nicht das Verschwinden einer Art, sondern das Verschwinden der Begegnung mit ihr. Und er sah, wie das eine das andere nährt: Wer nichts mehr kennt, dem ist auch nichts mehr wichtig, und was niemandem wichtig ist, verschwindet umso leichter. Sein bekanntester Satz stellt die Frage so schlicht, dass sie wehtut: Was bedeutet das Aussterben des Kondors für ein Kind, das nie einen Zaunkönig gekannt hat?

Mehr als zwanzig Jahre später griffen der Ökologe Masashi Soga und der Naturschutzforscher Kevin Gaston den Begriff wieder auf und ordneten die Forschung dazu. Ihre Übersicht von 2016 beschreibt zwei Ursachen: Es fehlt die Gelegenheit, weil Natur in der Nähe des Alltags seltener wird, und es fehlt die Neigung, weil Menschen von sich aus weniger hinausgehen. Die Folgen reichen, so die beiden, von Gesundheit und Wohlbefinden bis zu der Frage, wie Menschen über Natur denken und ob sie sich für sie einsetzen. Daraus kann ein Kreislauf werden, der sich selbst antreibt.

Wie das Normale wandert

Das Tückische an diesem Kreislauf ist, dass er sich normal anfühlt. Der Fischereibiologe Daniel Pauly hat dafür 1995 einen zweiten Begriff geprägt, der weit über sein Fachgebiet hinaus Karriere gemacht hat: das Shifting Baseline Syndrome, das Syndrom der wandernden Bezugslinie. Pauly beobachtete, dass jede Generation von Fischereiforschern den Bestand, den sie zu Beginn ihrer Laufbahn vorfand, als Ausgangspunkt nahm. Was früher war, zählte nicht mehr, weil es niemand mehr selbst erlebt hatte. So rutschte der Maßstab mit jeder Generation ein Stück nach unten, und der Verlust wurde unsichtbar.

Man muss kein Fischer sein, um das zu kennen. Die Wiese, die man als Kind für bunt hielt, ist der eigene Maßstab für eine bunte Wiese. Das Kind von heute misst an der Wiese von heute. Keiner von beiden lügt. Und doch reden sie, ohne es zu wissen, über verschiedene Welten.

Wie früh diese Verschiebung beginnt, zeigte eine kleine Studie, die 2002 in Science erschien. Andrew Balmford und Kollegen von der Universität Cambridge legten britischen Grundschulkindern Bildkarten vor, mit häufigen Pflanzen und Tieren aus der heimischen Natur und mit Figuren aus dem Spiel Pokémon. Achtjährige erkannten im Schnitt 78 Prozent der Pokémon, aber nur 53 Prozent der echten Arten. Die Kinder konnten also sehr wohl unterscheiden, benennen, sammeln. Sie taten es nur in einer anderen Welt.

Und weil niemand sein Fehlen bemerkt, fehlt es bald niemandem mehr.

Wenn Wörter aus dem Wörterbuch fallen

Am deutlichsten wird das Verschwinden dort, wo man es am wenigsten erwartet: in der Sprache. Im Jahr 2007 erschien eine Neuausgabe des Oxford Junior Dictionary, eines Wörterbuchs für Grundschulkinder mit rund 10.000 Einträgen. Neu aufgenommen wurden Wörter wie blog, broadband und celebrity. Dafür fielen andere heraus, darunter acorn, die Eichel, buttercup, der Hahnenfuß, bluebell, die Hasenglöckchen, kingfisher, der Eisvogel – und wren, der Zaunkönig. Der Verlag begründete das nüchtern: Der Platz in einem Kinderwörterbuch sei begrenzt, und die Auswahl richte sich danach, welche Wörter Kinder tatsächlich verwenden.

Gerade diese Begründung machte die Sache so beunruhigend. Als der Fall 2015 breit bekannt wurde, protestierte eine Gruppe namhafter Schriftsteller, darunter Margaret Atwood und Andrew Motion, in einem offenen Brief. Niemand wollte den Kindern das Wort broadband verwehren. Aber dass ein Wörterbuch die Eichel streicht, weil Kinder sie nicht mehr benennen, ist kein Versehen der Lexikografen. Es ist ein Befund.

Der Schriftsteller Robert Macfarlane und die Illustratorin Jackie Morris antworteten auf ihre Weise. 2017 erschien The Lost Words, ein großformatiges Buch über zwanzig der verlorenen Wörter, von Eichel und Otter bis Zaunkönig. Macfarlane schrieb dafür keine Erklärungen, sondern Zaubersprüche, die man laut lesen soll; Morris malte dazu, teils mit Blattgold. Was folgte, war erstaunlich: In Schottland sammelte eine Initiative per Crowdfunding Geld, um jeder der über 2.000 Grundschulen des Landes ein Exemplar zu schenken. Andere Regionen taten es ihr nach. Ein Buch gegen das Vergessen wanderte dorthin zurück, wo das Vergessen begonnen hatte.

Zweihundert Jahre in einer Kurve

Lässt sich so etwas messen? Miles Richardson, Psychologe an der University of Derby, hat es 2025 versucht. Er verfolgte mithilfe der Google-Books-Daten, wie häufig 28 Wörter wie Fluss, Wiese, Heide oder Tau zwischen 1800 und 2019 in englischsprachigen Büchern vorkommen. Ihr Gebrauch sank, vor allem ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, bis 1990 um rund 60 Prozent. Danach stieg er leicht wieder an.

Diese Kurve nutzte Richardson als Prüfstein für ein Computermodell, das die Naturverbundenheit einer Gesellschaft über Generationen nachbildet: Verstädterung, schwindende Natur in der Umgebung und die Frage, wie stark Eltern ihre Haltung zur Natur an die Kinder weitergeben. Das Modell bildete den Rückgang erstaunlich gut nach. Der wichtigste Antrieb war darin nicht die Stadt selbst, sondern die Weitergabe zwischen den Generationen: Eltern, die weniger mit der Natur verbunden sind, ziehen Kinder groß, die es noch weniger sind. Paulys wandernde Bezugslinie, übersetzt in ein Familienleben.

Die Szenarien für die Zukunft sind unbequem. Selbst mit starken Maßnahmen bleibt die Verbundenheit im Modell bis 2050 unter dem heutigen Stand. Eine sich selbst tragende Erholung danach zeigte sich nur, wenn beides zusammenkam: ein Vielfaches an erreichbarer Natur im Alltag und Kinder, die von klein auf deutlich mehr Verbindung zu ihr erfahren. Richardson selbst nennt die Grenzen offen, Wörter in Büchern sind nur ein grober Spiegel dessen, was Menschen fühlen. Doch die Richtung ist deutlich.

Was die Bindung nährt

Bemerkenswert ist, was Richardson und sein Team in früheren Arbeiten darüber herausfanden, wodurch Naturverbundenheit überhaupt entsteht. Wissen allein, das Bestimmen und Benennen, ist es nicht. Stärker wirken Kontakt mit den Sinnen, Gefühle, Mitgefühl, das Erleben von Schönheit und von Bedeutung. Und Menschen, die sich mit der Natur verbunden fühlen, sind im Mittel etwas glücklicher, wie eine Meta-Analyse kanadischer Psychologen 2014 zeigte, ein kleiner, aber beständiger Zusammenhang.

Vielleicht ist das die stillste Pointe dieser Geschichte. Die Entfremdung kam nicht mit einem Knall, sondern mit tausend kleinen Gelegenheiten, die niemand ergriff. Also wird auch die Rückkehr nicht mit einem Knall kommen. Sondern mit einem Kind, das stehen bleibt. Mit einem Erwachsenen, der mit ihm stehen bleibt und nicht weitergeht, bevor beide zugehört haben.

Im Unterholz raschelt es wieder. Das Schwänzchen, steil nach oben. Der Gesang, viel zu laut für so ein kleines Wesen. Ein Zaunkönig. Man sagt den Namen leise vor sich hin, wie einen der Sprüche aus Macfarlanes Buch. Und für einen Augenblick ist das Wort wieder da, wo es hingehört: zwischen dem Menschen und dem Vogel, als Faden, der noch hält.

Quellen

Pyle, R. M. (1993): The Thunder Tree: Lessons from an Urban Wildland. Houghton Mifflin, Boston.

Soga, M., Gaston, K. J. (2016): Extinction of experience: the loss of human–nature interactions. Frontiers in Ecology and the Environment, 14(2), 94–101. DOI

Pauly, D. (1995): Anecdotes and the shifting baseline syndrome of fisheries. Trends in Ecology & Evolution, 10(10), 430. DOI

Balmford, A., Clegg, L., Coulson, T., Taylor, J. (2002): Why conservationists should heed Pokémon. Science, 295(5564), 2367. DOI

Macfarlane, R., Morris, J. (2017): The Lost Words. Hamish Hamilton, London.

The Bookseller: Campaign to give The Lost Words to Scottish primary schools. thebookseller.com

Snopes: Did the Oxford Junior Dictionary remove nature words? snopes.com

Richardson, M. (2025): Modelling Nature Connectedness Within Environmental Systems: Human-Nature Relationships from 1800 to 2020 and Beyond. Earth, 6(3), 82. DOI

Lumber, R., Richardson, M., Sheffield, D. (2017): Beyond knowing nature: Contact, emotion, compassion, meaning, and beauty are pathways to nature connection. PLoS ONE, 12(5), e0177186. DOI

Capaldi, C. A., Dopko, R. L., Zelenski, J. M. (2014): The relationship between nature connectedness and happiness: a meta-analysis. Frontiers in Psychology, 5, 976. DOI

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Merkblatt · Die stille Entfremdung

  • „Aussterben der Erfahrung“: Nicht Arten verschwinden zuerst, sondern Begegnungen mit ihnen.
  • Ursachen: weniger Natur im Alltag und weniger Neigung, hinauszugehen.
  • Jede Generation hält den Naturzustand ihrer Kindheit für normal.
  • 2007 strich ein Kinderwörterbuch Wörter wie Eichel, Eisvogel und Zaunkönig.
  • Naturwörter in Büchern gingen von 1800 bis 1990 um rund 60 Prozent zurück.
  • Verbundenheit wächst durch Sinne, Gefühl und Schönheit – am besten gemeinsam mit Kindern.

Meine Notizen

Die stille Entfremdung: Warum wir den Zaunkönig nicht mehr kennenthegardeninthewoods.de · hello@thegardeninthewoods.de

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