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Bäume, die bleiben

Miyawaki-Methode: Was hinter dem Versprechen der Tiny Forests steckt

Miyawaki-Methode für Stadtwälder City Wälder

Zehnmal schneller, hundertmal artenreicher? Eine neue Übersichtsstudie hat die Versprechen der Miyawaki-Methode geprüft. Was Tiny Forests wirklich leisten – und was niemand gemessen hat.

11. September 2025 · 7 Min. Lesezeit

Im dritten Sommer ist ein Miyawaki-Wald kaum noch zu betreten. Ahorn drängt sich an Eiche, Hasel an Hainbuche, dazwischen Schlehe und Holunder, alles auf Schulterhöhe und höher. Unten riecht es nach feuchtem Stroh, das langsam zu Erde wird. Wer hier steht, glaubt sofort, was auf den Infotafeln steht: Dieser Wald wächst schneller als jeder andere. Die Frage ist nur, ob das jemand gemessen hat.

Ein Botaniker lernt das Hinsehen

Die Geschichte beginnt in Niedersachsen. 1958 kam der junge japanische Botaniker Akira Miyawaki nach Stolzenau an der Weser, an die Bundesanstalt für Vegetationskartierung. Ihr Leiter Reinhold Tüxen hatte zwei Jahre zuvor einen Begriff geprägt, der Miyawakis Leben bestimmen sollte: die potenzielle natürliche Vegetation. Gemeint ist die Pflanzendecke, die ein Standort von selbst tragen würde, ließe der Mensch ihn in Ruhe. Tüxen schickte seinen Gast vor allem hinaus. Miyawaki nannte ihn später den wichtigsten Lehrer, den er je hatte.

Zurück in Japan fand er die Spuren dieser ursprünglichen Wälder ausgerechnet an heiligen Orten. Um Schreine und Tempel standen kleine Haine, die chinju no mori, die man aus Ehrfurcht nicht angetastet hatte. Dort wuchsen noch die heimischen, oft immergrünen Laubbäume, die anderswo längst verdrängt waren. Diese Haine wurden sein Vorbild. Seine Rezeptur: den Boden gründlich auflockern und mit organischem Material anreichern, nur Arten der potenziellen natürlichen Vegetation wählen, Bäume, Sträucher und Unterwuchs bunt gemischt setzen – und zwar dicht, etwa drei Setzlinge pro Quadratmeter. Nach den ersten Jahren der Pflege soll sich der Wald selbst tragen.

Miyawaki, der 2021 mit 93 Jahren starb, hat nach Angaben seiner Biografen an der Pflanzung von über 40 Millionen Bäumen mitgewirkt. 2006 erhielt er den Blue Planet Prize, eine der bekanntesten Umweltauszeichnungen der Welt.

Zehnmal schneller, hundertmal artenreicher?

Was Miyawaki selbst versprach, war schon kühn genug. Auf kahlem Land, schrieb er in seinem Essay zum Preis, brauche ein heimischer Wald nach klassischer Lehre 150 bis 200 Jahre. Mit seiner Methode entstünden in 20 bis 30 Jahren Wälder, die den ursprünglichen sehr ähnlich seien.

Dann übernahm die Bewegung. Das indische Unternehmen Afforestt, 2011 von Shubhendu Sharma gegründet, machte die Methode weltweit populär, und mit ihr eine griffige Formel: zehnmal schnelleres Wachstum, dreißigmal dichter, hundertmal artenreicher. Seit das niederländische Naturbildungsinstitut IVN 2015 in Zaandam den ersten „Tiny Forest“ pflanzte, etwa so groß wie ein Tennisplatz, entstehen solche Miniwälder überall in Europa. Die Zahlen reisen mit, von Flyer zu Pressetext.

51 Dokumente auf dem Prüfstand

Eine Gruppe um die Waldökologin Narkis Morales vom neuseeländischen Bioeconomy Science Institute und den chilenischen Ökologen Ignacio Fernández hat diese Versprechen beim Wort genommen. Für eine systematische Übersicht, im Dezember 2025 im Journal of Applied Ecology erschienen, suchten sie alles zusammen, was zur Miyawaki-Methode geschrieben wurde, und fanden 51 Dokumente. Dann stellten sie die schlichte Frage, die jede Studie beantworten muss: Womit wurde verglichen?

Das Ergebnis ist ernüchternd. Nur 21 der 51 Arbeiten enthielten überhaupt Messwerte. Davon hatten sieben eine Kontrollfläche, also einen Vergleich mit anders bepflanztem oder sich selbst überlassenem Land. Nur drei hatten Wiederholungen, wie man sie für eine belastbare Aussage braucht. Für die meisten Versprechen – schnelles Wachstum, Selbsterhaltung, Kosteneffizienz, Artenvielfalt, Kohlenstoffbindung, hohe Baumdichte – fanden die Autoren „schwache bis keine“ Belege. Das Wachstum bis zu zehnmal schneller sahen sie allenfalls teilweise gestützt. Für die Reife nach 20 bis 30 Jahren fanden sie keinen empirischen Nachweis. Und nur zwei Arbeiten hatten den gespeicherten Kohlenstoff tatsächlich geschätzt; über längere Zeit unterschieden sich die Miyawaki-Flächen darin nicht signifikant von anderen Methoden.

„Wir sind nicht gegen die Miyawaki-Methode“, sagte Fernández dem Umweltportal Mongabay. Sorgen mache ihm, dass ein Verfahren, das für bestimmte Bedingungen entwickelt wurde, nun überall angewendet werde. Die Restaurationsökologin Karen Holl von der University of California in Santa Cruz, die an der Studie nicht beteiligt war, wurde deutlicher: Sie habe nie belastbare Daten gesehen, die die Methode mit einer Kontrolle oder anderen Verfahren vergleichen.

Ein Wald, der schnell wächst, ist noch kein Beweis, dass er schneller wächst als ein anderer.

Was die Maßbänder sagen

Ganz ohne Daten sind die Miniwälder dennoch nicht. In Großbritannien betreut die Organisation Earthwatch Europe rund 290 Tiny Forests und lässt sie von Freiwilligen vermessen. Ihr Bericht von 2025 meldet: Regenwasser versickert im Wald um etwa 30 Prozent schneller als daneben, der Boden ist im Mittel 38 Prozent weniger verdichtet. In Coventry lebten nach sechs Monaten 95 Prozent der dicht gepflanzten Bäume, auf einer konventionell bepflanzten Vergleichsfläche keiner. Doch der Bericht nennt seine Grenzen selbst: Verglichen wird meist innen gegen außen, der Vergleich mit herkömmlicher Pflanzung stammt von einem einzigen Ort, und die meisten Wälder sind erst wenige Jahre alt.

Ähnlich in den Niederlanden. Wageningen Environmental Research untersuchte 2020 und 2021 elf Tiny Forests. Gezählt wurden 1167 Pflanzen- und Tierarten, im Schnitt 270 pro Wald, meist häufige Arten, die aber Amphibien, Singvögeln und Kleinsäugern als Nahrung dienen. An heißen Tagen war der Boden im Wald bis zu 20 Grad kühler als an der Straße. Beim Klima blieben die Forscher nüchtern: Im Mittel band ein junger Tiny Forest 127,5 Kilogramm CO₂ im Jahr, ein kleiner Bruchteil dessen, was ein Mensch in den Niederlanden ausstößt.

Und dann ist da Sardinien. Bartolomeo Schirone und Kollegen von der Universität Tuscia berichteten 2011 vom ersten Test der Methode im Mittelmeerklima, auf einer Fläche, wo herkömmliche Aufforstung gescheitert war. Die Studie wird oft als Kritik zitiert, ist aber das Gegenteil: Nach elf Jahren war die Pflanzenvielfalt auf den Miyawaki-Parzellen deutlich höher, und der junge Wald entwickelte sich ohne weitere Pflege. Allerdings hatten die Forscher die Methode an das trockene Klima angepasst – ein Hinweis darauf, dass es weniger um ein Patentrezept geht als um genaues Hinsehen auf den Ort.

Eine Wiese in der Uckermark

In Deutschland begann es im März 2020 auf einer Wiese in Zichow in der Uckermark. Studierende der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde pflanzten dort auf rund 800 Quadratmetern einen Miniwald, nach Angaben der Lokalpresse den ersten seiner Art im Land. Ebenfalls in Eberswalde sitzt MIYA forest, ein Verein, der die Methode verbreitet und gemeinsam mit der Hochschule ihre Wirkung erforscht. Inzwischen stehen Miniwälder in Berlin, Erfurt, Mannheim oder in Hamburg-Altona, wo im Walter-Möller-Park auf etwa 300 Quadratmetern rund 1100 Bäume und Sträucher wachsen.

Kritik kommt auch hier. Der Jenaer Pflanzenökologe Ernst-Detlef Schulze hält die Flächen für zu klein, um für das Klima eine Rolle zu spielen, und sieht in Parks den größeren ökologischen Nutzen. Bemerkenswert ist, dass Caspar Möller von MIYA ihm beim Klima zustimmt: Die CO₂-Wirkung sei gering. Ehrlicher kann eine Bewegung kaum über sich selbst sprechen.

Warten können

Was bleibt, ist kein Urteil, sondern eine Unterscheidung. Ein Miniwald kann Boden lockern, Wasser halten, Schatten spenden, Käfer und Schnecken beherbergen und eine Nachbarschaft zusammenbringen, die gemeinsam gepflanzt hat. Das ist viel. Ob er dabei schneller und besser wird als ein Wald, der anders entsteht, ist schlicht noch nicht gezeigt. Morales und Kollegen fordern deshalb, was jede junge Methode braucht: Vergleichsflächen, Wiederholungen, Geduld.

Im Dickicht vom Anfang steigt der Geruch von Stroh auf, die Hainbuche hat die Hasel überholt, irgendwo raschelt ein Vogel. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus Stolzenau: erst hinausgehen und hinsehen, dann erst versprechen. Der Wald hat Zeit. Die Wissenschaft auch.

Quellen

Morales, N. S., Fernández, I. C., Durán, L., Craven, D. (2026): Tiny forests, huge claims: The evidence gap behind the Miyawaki method for forest restoration. Journal of Applied Ecology, 63(1), e70242. DOI

Schirone, B., Salis, A., Vessella, F. (2011): Effectiveness of the Miyawaki method in Mediterranean forest restoration programs. Landscape and Ecological Engineering, 7(1), 81–92. DOI

Miyawaki, A. (1999): Creative ecology: Restoration of native forests by native trees. Plant Biotechnology, 16(1), 15–25. DOI

Miyawaki, A. (2006): Essay zum Blue Planet Prize. Asahi Glass Foundation. af-info.or.jp

Ottburg, F., Lammertsma, D., Dimmers, W., Lerink, B., Schelhaas, M.-J., Janssen, J. (2022): Tiny Forests: groene mini-oases in de stad. Wageningen Environmental Research, Rapport 3189. DOI

Wageningen University & Research: Temperature Tiny Forest up to 20 degrees lower than on the streets on hot days. wur.nl

Earthwatch Europe (2025): Tiny Forest Monitoring Report 2025. earthwatch.org.uk

Mongabay (Mai 2026): Popular Miyawaki reforestation method lacks evidence, study finds. mongabay.com

Mikalo, C. (2024): Tiny Forests: Grüne Inseln im Häusermeer. Spektrum.de, 29.07.2024. spektrum.de

Nordkurier: Kleiner Wald als großer Klimaretter (Tiny Forest Zichow). nordkurier.de

Pop-Up City: Tiny Forests With Enormous Impact (zu Afforestt). popupcity.net

Merkblatt · Miyawaki-Methode

  • Miyawaki stützte sich auf Tüxens Idee der potenziellen natürlichen Vegetation.
  • Kern der Methode: lockerer Boden, heimische Arten, etwa drei Setzlinge pro Quadratmeter.
  • „Zehnmal schneller“ ist nicht belegt; meist fehlen Vergleichsflächen.
  • Gemessen: schnellere Versickerung, kühlerer Boden, viele häufige Arten.
  • Für den Klimaschutz sind Miniwälder zu klein – das sagen auch Befürworter.
  • Deutschlands erster Tiny Forest wurde 2020 in Zichow, Uckermark, gepflanzt.

Meine Notizen

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