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Kraut am Wegrand

Weidenrinde: Vom Bachufer zum Aspirin – und was davon Legende ist

Die Rinde der Weide Salix und ihre Heilwirkungen. Image by svklimkin from Pixabay

Hippokrates, ein englischer Pfarrer, ein Chemiker bei Bayer: Die Geschichte von Weide und Aspirin wird gern erzählt. Was davon stimmt und was die Weidenrinde heute wirklich kann.

27. Februar 2026 · 8 Min. Lesezeit

Am Bach hängen die Weiden ihre Zweige ins Wasser, als wollten sie trinken. Wenn der Wind in die schmalen Blätter fährt, kippt das Grün ins Silber, und für einen Augenblick glitzert das ganze Ufer. Wer ein Stück junge Rinde zwischen die Zähne nimmt, schmeckt sofort, warum dieser Baum die Heilkunde so lange beschäftigt hat: Sie ist bitter, herb, ein wenig zusammenziehend. Ein Geschmack, der nach Arznei klingt, lange bevor jemand das Wort Aspirin kannte.

Hippokrates und die Weide

Kaum eine Geschichte des Aspirins kommt ohne ihn aus: Schon Hippokrates, heißt es, habe Weidenrinde gegen Schmerzen und Fieber empfohlen, sogar Frauen in den Wehen. Auch die Ägypter sollen die Weide gekannt haben, und tatsächlich nennt der Papyrus Ebers, eine Sammlung von Heilmitteln aus der Zeit um 1500 v. Chr., die Weide bei unspezifischen Schmerzen.

Was in den Texten wirklich steht

Die Medizinhistorikerin Philippa Martyr hat 2020 nachgesehen und wenig gefunden. In den hippokratischen Schriften taucht die Weide kaum auf; die einzige Stelle beschreibt, wie man Weidenblätter verbrennt, um den Unterleib nach einer Fehlgeburt zu beräuchern. Von Schmerzlinderung keine Rede. Der römische Arzt Dioskurides empfahl die Weide gegen Magenleiden, als Verhütungsmittel und, mit Essig, gegen Hühneraugen. Martyr gibt außerdem zu bedenken, dass ausgerechnet die Silberweide, Salix alba, vergleichsweise wenig Salicin enthält. Mit gekauter Rinde käme man kaum auf eine wirksame Menge.

Das heißt nicht, dass die Weide nie gegen Schmerzen gebraucht wurde. Nur ist der berühmte Satz über Hippokrates eher Legende – eine, die man gern weitererzählt, weil sie so gut passt.

Wo die Krankheit wohnt, wächst das Mittel

Die erste gut belegte Spur führt in ein englisches Pfarrhaus. Edward Stone, Geistlicher in Chipping Norton in Oxfordshire, schrieb am 25. April 1763 an den Präsidenten der Royal Society. Er hatte Weidenrinde gekostet, ihre Bitterkeit bemerkt und an die teure Chinarinde gedacht, das damalige Mittel gegen Wechselfieber. Seine Begründung stammt aus einer alten Denkweise, verwandt mit der Signaturenlehre: Die Weide liebe feuchten Boden, und gerade dort seien die Fieber zu Hause. Wo die Krankheit entsteht, müsse auch ihr Heilmittel wachsen.

Ein Pfund Rinde und fünf Jahre Geduld

Was Stone dann tat, war für seine Zeit bemerkenswert sorgfältig. Er trocknete etwa ein Pfund Rinde rund drei Monate lang an der Außenwand eines Backofens, zerstieß und siebte sie und gab das Pulver über fünf Jahre hinweg an etwa fünfzig Fiebernde. Es habe nie versagt, schrieb er, außer bei einigen hartnäckigen Herbst- und Quartanfiebern. Sein Bericht erschien noch 1763 in den Philosophical Transactions.

Die Signaturenlehre hatte ihn auf die richtige Pflanze gebracht, aber aus dem falschen Grund. Und was Stone beobachtete, war vermutlich ein Senken des Fiebers, nicht die Heilung der Krankheit dahinter.

Aspirin ist eingefangene Weide

Von hier an scheint der Weg gerade: Aus der Rinde wurde ein Wirkstoff, aus dem Wirkstoff eine Tablette. Man erzählt dazu gern die Geschichte des jungen Chemikers Felix Hoffmann, der für seinen rheumakranken Vater ein verträglicheres Mittel suchte.

Ein Umweg über das Mädesüß

Der Weg war verschlungener. 1828 gewann der Münchner Pharmazeut Johann Andreas Buchner aus Weidenrinde gelbliche Kristalle und nannte sie Salicin, nach Salix. 1829 verbesserte der Franzose Pierre-Joseph Leroux die Gewinnung. 1838 stellte der Italiener Raffaele Piria daraus die stärkere Salicylsäure her. Fast zur selben Zeit fand Karl Jacob Löwig eine Säure im Mädesüß, Spiraea ulmaria, und nannte sie Spirsäure; sie erwies sich als dieselbe Substanz. Hermann Kolbe klärte 1859 ihre Struktur auf, und in Radebeul bei Dresden ließ Friedrich von Heyden ab den 1870er-Jahren Salicylsäure in großem Maßstab chemisch herstellen. Charles Gerhardt hatte schon 1853 eine acetylierte Form erzeugt, aber nicht weiterverfolgt.

Am 10. August 1897 notierte Felix Hoffmann bei Bayer in Elberfeld, dass er Salicylsäure mit Essigsäureanhydrid vollständig acetyliert hatte: reine Acetylsalicylsäure. Ausgangsstoff war Salicylsäure aus dem Labor, keine Rinde vom Bachufer. 1899 kam das Mittel unter dem Namen Aspirin auf den Markt. Das „a“ steht für die Acetylgruppe, „spir“ für die Spirsäure aus dem Mädesüß, „in“ ist eine übliche Endung. Die Weide steckt im Namen also gar nicht. Und die Vatergeschichte? Der Pharmaziehistoriker Walter Sneader fand sie zuerst in einer Fußnote von 1934 und hält sie für unzuverlässig. Er hält es für glaubwürdig, dass Arthur Eichengrün, Leiter der pharmazeutischen Entwicklung, die Synthese angestoßen hatte; Bayer sieht das anders.

Die Signaturenlehre hatte ihn auf die richtige Pflanze gebracht, aber aus dem falschen Grund.

Weidenrinde ist natürliches Aspirin

Der Satz klingt einleuchtend: Wenn Aspirin aus der Weide kommt, muss die Weide wohl ein sanftes Aspirin sein.

Verwandt, aber nicht dasselbe

In der Rinde liegt Salicin überwiegend gebunden vor, in Verbindungen wie Salicortin und Tremulacin. Im Körper werden sie gespalten und zu Salicylsäure umgebaut. Was fehlt, ist genau das, was Hoffmann hinzugefügt hat: die Acetylgruppe. Mit ihr kann Acetylsalicylsäure das Enzym Cyclooxygenase in den Blutplättchen dauerhaft verändern. Gerald Roth und Philip Majerus zeigten 1975, dass diese Acetylierung für die gesamte Lebenszeit eines Blutplättchens bestehen bleibt. Daher kommt die Wirkung von niedrig dosiertem Aspirin auf die Gerinnung.

Weidenrinde kann das kaum. In einer israelischen Studie von 2001 hemmte ein Extrakt mit 240 Milligramm Salicin pro Tag die Plättchenverklumpung nur wenig: 61 Prozent Aggregation gegenüber 78 Prozent unter Placebo und 13 Prozent unter 100 Milligramm Acetylsalicylsäure. Auch der Salicylatspiegel bleibt bescheiden. Nach Berechnungen einer Tübinger Arbeitsgruppe entsprechen 240 Milligramm Salicin aus Extrakt etwa 87 Milligramm Acetylsalicylsäure, viel zu wenig, um eine Schmerzwirkung allein zu erklären. Die Forschenden vermuten, dass weitere Inhaltsstoffe wie Flavonoide und Gerbstoffe mitwirken. Ein Ersatz für ärztlich verordnetes Aspirin zum Herzschutz ist die Rinde nicht.

Was die Fachgremien heute sagen

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur hat seine Monographie 2017 überarbeitet. Als wissenschaftlich gut belegt gilt dort nur eines: bestimmte Trockenextrakte zur kurzzeitigen Behandlung von Rückenschmerzen. Gestützt wird das vor allem durch eine Studie von Sigrun Chrubasik aus dem Jahr 2000 mit 210 Menschen. Nach vier Wochen waren in der letzten Woche 39 Prozent der Gruppe mit 240 Milligramm Salicin weitgehend schmerzfrei, 21 Prozent mit 120 Milligramm und 6 Prozent unter Placebo. Ein Cochrane-Review von 2014 stuft die Beweislage dafür als mäßig ein. Bei Arthrose fiel der Effekt in einer zweiwöchigen Studie klein aus.

Leichte Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen und Fieber bei Erkältung führt die EMA nur als traditionelle Anwendung, gestützt auf lange Erfahrung statt auf Studien. Die europäische Phytotherapie-Gesellschaft ESCOP nennt in ihrer Monographie von 2017 dieselben Bereiche. Für Tee nennt die EMA 1 bis 3 Gramm zerkleinerte Rinde auf 150 Milliliter kochendes Wasser, dreimal täglich, bei Gelenkbeschwerden höchstens vier Wochen lang. Fieber, das länger als drei Tage anhält oder über 39 Grad steigt, gehört in ärztliche Hände.

Wichtiger als jede Dosis ist, wann die Weide besser schweigt:

  • Kinder und Jugendliche. Unter 18 Jahren nicht anwenden, wegen des Risikos eines Reye-Syndroms.
  • Schwangerschaft und Stillzeit. Im letzten Drittel der Schwangerschaft ausgeschlossen, davor und in der Stillzeit nicht empfohlen.
  • Salicylat-Empfindlichkeit. Nicht bei Allergie gegen Aspirin oder andere Schmerzmittel dieser Gruppe und nicht bei dadurch ausgelöstem Asthma.
  • Magen, Leber, Niere, Blut. Nicht bei aktivem Magengeschwür, schweren Leber- oder Nierenleiden, Gerinnungsstörungen oder G6PD-Mangel.
  • Medikamente. Gerinnungshemmer wie Cumarine können verstärkt werden; nicht ohne Rücksprache mit anderen Salicylaten oder Schmerzmitteln kombinieren.

Was die Rinde erzählt

Die alten Geschichten über die Weide sind schöner als die Wahrheit, aber die Wahrheit ist erstaunlicher. Ein Pfarrer, der genau beobachtete. Eine Kette von Chemikern, die einen Bitterstoff Schritt für Schritt in etwas Neues verwandelten. Und ein Name, der am Ende ausgerechnet nach einer anderen Pflanze klingt, nach dem Mädesüß, das ein paar Meter weiter am selben Bach blüht.

Wenn der Wind wieder in die Zweige fährt und das Ufer silbern aufblitzt, kann man daran denken, dass die Weide nichts davon wissen muss. Sie trinkt einfach weiter.

Quellen

Stone, E. (1763): An account of the success of the bark of the willow in the cure of agues. Philosophical Transactions of the Royal Society of London, 53, 195–200. DOI

Martyr, P. (2020): Hippocrates and willow bark? What you know about the history of aspirin is probably wrong. The Conversation. Link

Desborough, M. J. R., Keeling, D. M. (2017): The aspirin story – from willow to wonder drug. British Journal of Haematology, 177(5), 674–683. DOI

Sneader, W. (2000): The discovery of aspirin: a reappraisal. BMJ, 321(7276), 1591–1594. DOI

Roth, G. J., Majerus, P. W. (1975): The mechanism of the effect of aspirin on human platelets. I. Acetylation of a particulate fraction protein. Journal of Clinical Investigation, 56(3), 624–632. DOI

Krivoy, N., Pavlotzky, E., Chrubasik, S., Eisenberg, E., Brook, G. (2001): Effect of Salicis cortex extract on human platelet aggregation. Planta Medica, 67(3), 209–212. DOI

Schmid, B., Kötter, I., Heide, L. (2001): Pharmacokinetics of salicin after oral administration of a standardised willow bark extract. European Journal of Clinical Pharmacology, 57(5), 387–391.

Schmid, B. et al. (2001): Efficacy and tolerability of a standardized willow bark extract in patients with osteoarthritis: randomized placebo-controlled, double blind clinical trial. Phytotherapy Research, 15(4), 344–350. DOI

Chrubasik, S., Eisenberg, E., Balan, E., Weinberger, T., Luzzati, R., Conradt, C. (2000): Treatment of low back pain exacerbations with willow bark extract: a randomized double-blind study. American Journal of Medicine, 109(1), 9–14.

Oltean, H. et al. (2014): Herbal medicine for low-back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews, CD004504. DOI

European Medicines Agency, HMPC (2017): European Union herbal monograph on Salix [various species including S. purpurea L., S. daphnoides Vill., S. fragilis L.], cortex. EMA/HMPC/80630/2016. EMA

ESCOP (2017): Salicis cortex – Willow Bark. ESCOP Monographs, Online Series. ESCOP

Pharmazeutische Zeitung (2003): Titelbeitrag Weidenrinde, Ausgabe 13/2003. PZ

Stadt Radebeul: Chemische Fabrik von Heyden. radebeul.de

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Merkblatt · Weidenrinde und Aspirin

  • Dass Hippokrates Weidenrinde gegen Schmerzen empfahl, ist historisch kaum belegt.
  • Edward Stone behandelte 1763 rund fünfzig Fiebernde mit getrockneter Weidenrinde.
  • Aspirin entstand 1897 aus synthetischer Salicylsäure, sein Name verweist aufs Mädesüß.
  • Salicin wird zu Salicylsäure, ohne Acetylgruppe und kaum blutverdünnend.
  • EMA: gut belegt nur kurzzeitig bei Rückenschmerzen, sonst traditionelle Anwendung.
  • Tabu unter 18, spät in der Schwangerschaft, bei Salicylat-Allergie und Magengeschwür.

Meine Notizen

Weidenrinde: Vom Bachufer zum Aspirin – und was davon Legende istthegardeninthewoods.de · hello@thegardeninthewoods.de

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