Am Bahndamm wuchert die Kanadische, am Waldrand wartet die Echte: wie man die heimische Goldrute erkennt, was die EMA zu Blase und Nieren sagt und wie der Tee gelingt.
Am Bahndamm brennt im September ein ganzes Feld in Gelb, hüfthoch, dicht an dicht, und es summt darüber wie über einem Bienenstock. Ein paar hundert Meter weiter, am Rand des Eichenwaldes, steht im Halbschatten eine einzelne schlanke Pflanze, kaum kniehoch, mit wenigen leuchtenden Blütenköpfen. Beide heißen Goldrute. Aber nur eine von ihnen ist hier zu Hause. Zeit für ein paar Fragen.
Welche Goldrute gehört eigentlich hierher?
Die Unscheinbare am Waldrand. Solidago virgaurea, die Echte oder Gewöhnliche Goldrute, ist die einzige Art ihrer Gattung, die in Mitteleuropa von Natur aus vorkommt. Sie wächst an lichten Waldrändern, in Gebüschen, auf mageren Böden, eher vereinzelt als in Massen. Ihr Name ist ein kleines Gedicht: virga heißt Rute, aurea golden. Und Solidago geht vermutlich auf das lateinische solidare zurück, „ganz machen, festigen“ – ein Hinweis auf ihre alte Rolle als Wundkraut. In alten Apothekerbüchern hieß sie sogar „Heidnisch Wundkraut“.
Das goldene Meer am Bahndamm dagegen stammt aus Nordamerika. Die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) und die Riesen- oder Späte Goldrute (Solidago gigantea) kamen als Gartenstauden nach Europa; der erste Nachweis stammt aus dem Jahr 1645. Von den Gärten aus sind sie längst in die Landschaft gewandert.
Woran erkennt man die Echte am Wegrand?
Am besten an ihrer Bescheidenheit. Die Echte Goldrute wird je nach Standort zwischen wenigen Zentimetern und gut einem Meter hoch und ist meist nur oben verzweigt. Ihre Blütenköpfe sind vergleichsweise groß, rund ein bis zwei Zentimeter, mit deutlich sichtbaren gelben Zungenblüten. Sie sitzen in einer lockeren Rispe, die nach allen Seiten zeigt – Botaniker sagen „allseitswendig“. Die unteren Blätter verschmälern sich in einen geflügelten Stiel, die oberen werden schmal und lanzettlich. Blütezeit ist etwa Juli bis Oktober.
Die Amerikanerinnen sind größer und dichter. Die Kanadische Goldrute wird oft mannshoch, ihr Stängel ist besonders oben flaumig behaart, und ihre winzigen Köpfchen, höchstens ein halber Zentimeter breit, reihen sich auf der Oberseite bogig überhängender Zweige auf: einseitswendig, wie ein gelber Federbusch. Die Riesen-Goldrute hat ähnliche Rispen, aber einen kahlen, oft rötlichen Stängel, der manchmal weißlich bereift ist; der Belag lässt sich mit dem Finger abwischen. Wer also ein einzelnes Pflänzchen mit großen Köpfen in alle Richtungen findet, hat mit ziemlicher Sicherheit die Einheimische vor sich.
Was ist so schlimm an den Gästen aus Amerika?
Sie bleiben nicht allein. Beide Arten bilden dichte Bestände mit bis zu 300 (Kanadische) oder 400 (Riesen-Goldrute) Trieben pro Quadratmeter, berichtet die Universität Innsbruck. Eine einzelne Pflanze kann nach Angaben des Kantons Thurgau bis zu 19.000 flugfähige Samen im Jahr bilden, und unterirdisch breiten sich die Stauden über Rhizome aus; schon kleine Bruchstücke treiben wieder aus. Auf Brachen, Böschungen, Lichtungen und in Naturschutzgebieten verdrängen sie die heimische Vegetation. Verschleppt werden sie mit Gartenabfällen, Erdtransporten und, so die Innsbrucker Botaniker, auch über die Imkerei, denn als späte Trachtpflanze sind sie beliebt.
Vielleicht liegt gerade darin der leise Reiz der Einheimischen: Die Echte Goldrute ist keine Pflanze für Massenaufmärsche. Sie zeigt, wie anders eine Landschaft aussieht, wenn eine Art nur ein Gast unter vielen ist.
Ist die Goldrute schuld am Heuschnupfen?
Wohl kaum. Goldruten werden von Insekten bestäubt, ihre Pollenkörner sind groß, schwer und klebrig, gemacht, um am Pelz einer Biene zu haften, nicht um durch die Luft zu treiben. In Nordamerika, wo die Goldrute lange als Heuschnupfenpflanze verschrien war, gilt die gleichzeitig blühende, windbestäubte Ambrosie als eigentlicher Übeltäter. Eine Allergie ist dennoch möglich, nur eben eher über die Haut oder als Tee: Die Goldrute ist ein Korbblütler, und wer auf Kamille, Arnika oder Beifuß reagiert, kann auch auf sie reagieren.
Was haben Blase und Nieren mit einer goldenen Rute zu tun?
Eine Menge, zumindest in der Überlieferung. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) verfolgt die medizinische Verwendung der Echten Goldrute bis ins Mittelalter zurück und nennt Arnald von Villanova (um 1240–1311) sowie die Kräuterbuchautoren Hieronymus Bock, Adam Lonicerus und Tabernaemontanus. Spätestens im 17. Jahrhundert ist die harntreibende Wirkung beschrieben. Verwendet wird das blühende Kraut. Es enthält Flavonoide, Saponine und Phenolglykoside, darunter das Leiocarposid, das der Kanadischen und der Riesen-Goldrute fehlt.
In Tierversuchen erhöhten Goldrutenzubereitungen die Harnmenge, das Leiocarposid deutlich schwächer als das synthetische Entwässerungsmittel Furosemid. Die EMA vermutet, dass die Inhaltsstoffe zusammenwirken, und betrachtet deshalb das ganze Kraut als Wirkstoff, nicht eine Einzelsubstanz.
Und was sagt die Wissenschaft heute?
Sie bleibt vorsichtig. Die EMA hat 2008 eine europäische Monografie veröffentlicht und die Echte Goldrute dort als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft: um die Harnmenge zu erhöhen, unterstützend bei leichten Beschwerden der Harnwege. Man spricht auch von Durchspülungstherapie – mehr Flüssigkeit rein, mehr Harn raus, damit die Harnwege gewissermaßen gespült werden.
Für eine stärkere Einstufung reichten die Daten nicht. Die EMA wertete fünf offene Studien aus, die größte mit 1.487 Patienten, eine andere mit 745 Frauen mit Beschwerden beim Wasserlassen. Ärzte berichteten jeweils über Besserungen. Doch keine dieser Untersuchungen hatte eine echte Kontrollgruppe, statistische Auswertungen fehlten oft. 2021 prüfte die EMA die Lage erneut, fand keine neuen klinischen Studien und ließ die Monografie unverändert.
Und noch eine Pointe: Viele Goldrutentees aus der Apotheke enthalten gar nicht die Echte, sondern die Riesen-Goldrute. Das Europäische Arzneibuch führt beide Drogen getrennt, als „Echtes Goldrutenkraut“ und als „Goldrutenkraut“ von der Riesen- und Kanadischen Goldrute, denn ihre Zusammensetzung ist nicht gleich. Ein Blick auf die Packung lohnt sich.
Die Echte Goldrute ist keine Pflanze für Massenaufmärsche.
Wie wird daraus ein Tee?
Gesammelt wird das obere, blühende Kraut, und zwar nur dort, wo die Pflanze reichlich wächst – abseits von Straßen und gespritzten Feldrändern. Locker gebündelt trocknet es an einem schattigen, luftigen Ort. Die EMA-Monografie nennt für Erwachsene und Jugendliche ab zwölf Jahren 3 bis 5 Gramm getrocknetes Kraut pro Aufguss, das sind grob drei bis vier Teelöffel. Man übergießt es mit etwa 150 Millilitern kochendem Wasser, lässt es zehn bis fünfzehn Minuten ziehen und seiht ab. Zwei- bis viermal täglich eine Tasse, traditionell über zwei bis vier Wochen. Der Geschmack ist herb, leicht bitter, ein wenig nach Heu. Wichtig ist, über den Tag zusätzlich reichlich zu trinken; ohne Flüssigkeit gibt es nichts zu spülen.
Wann sollte man die Finger davon lassen?
Häufiger, als man denkt. Die Monografie nennt als Gegenanzeigen eine Überempfindlichkeit gegen Korbblütler sowie alle Zustände, bei denen weniger getrunken werden soll, etwa schwere Herz- oder Nierenerkrankungen; dazu gehören auch Wassereinlagerungen durch ein schwaches Herz oder schwache Nieren. Kinder unter zwölf Jahren, Schwangere und Stillende sollten den Tee mangels Daten nicht trinken. Neben synthetischen Entwässerungsmitteln wird die Goldrute nicht empfohlen. Als Nebenwirkungen sind allergische Reaktionen und Magen-Darm-Beschwerden beschrieben. Und bei Fieber, Krämpfen, Schmerzen beim Wasserlassen oder Blut im Urin gehört man in eine Arztpraxis, nicht an den Teekessel. Ein Tee kann einen Harnwegsinfekt nicht sicher behandeln.
Zurück am Waldrand
Am Ende steht man wieder zwischen den beiden Goldtönen. Drüben am Bahndamm das summende, wogende Feld, das sich jedes Jahr ein Stück weiter vorschiebt. Hier am Waldrand die einzelne Rute, kniehoch, die Köpfe nach allen Seiten geöffnet, als wollte sie niemandem den Rücken zukehren. Man muss sich ein wenig bücken, um sie zu sehen. Aber wer sie einmal erkannt hat, findet sie wieder, Jahr für Jahr, an denselben stillen Stellen.
Quellen
European Medicines Agency, HMPC (2008): Community herbal monograph on Solidago virgaurea L., herba (EMEA/HMPC/285758/2007). EMA
European Medicines Agency, HMPC (2008): Assessment report on Solidago virgaurea L., herba (EMEA/HMPC/285759/2007). EMA
European Medicines Agency, HMPC (2021): Addendum to the assessment report on Solidago virgaurea L., herba (EMA/HMPC/637909/2018). EMA
Info Flora: Solidago virgaurea L. und Solidago canadensis L. – Artporträts. infoflora.ch
Universität Innsbruck, Institut für Botanik: Neophyten Tirol – Kanadische Goldrute und Riesen-Goldrute. uibk.ac.at
Stadt Bern, Stadtgrün: Flyer Invasive Neophyten – Goldrute. bern.ch
Kanton Thurgau, Amt für Umwelt: Amerikanische Goldruten. tg.ch
DIE PTA IN DER APOTHEKE (2015): Goldrute. Heft 6, 72–73. diepta.de
PTAheute: Goldrute – harntreibendes Kraut. ptaheute.de
Gebrauchsinformation aurica Goldrutenkraut Tee (Riesengoldrute, Solidago gigantea). shop-apotheke.com
The Old Farmer’s Almanac: Goldenrod vs. Ragweed. almanac.com
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Merkblatt · Echte Goldrute
- Echte Goldrute ist die einzige heimische Goldrute Mitteleuropas.
- Erkennen: große Köpfe, Rispe allseitswendig, meist unter einem Meter.
- Kanadische und Riesen-Goldrute sind invasiv: einseitige Rispen, winzige Köpfchen, dichte Bestände.
- EMA: traditionell zur Durchspülung bei leichten Harnwegsbeschwerden, Studien schwach.
- Tee: 3–5 g Kraut, 150 ml kochendes Wasser, 2–4 Tassen täglich, viel trinken.
- Nicht bei Korbblütler-Allergie, Herz-/Nierenschwäche, Schwangerschaft, Kindern unter 12.
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