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Warum der Wald heilt

Sieben Fragen an den Wald: Darf man hier einfach nichts tun?

produktivity guilt, wenn wir nicht mehr abschalten können, kommt der burn out

Das schlechte Gewissen beim Ausruhen hat einen Namen: Productivity Guilt. Sieben Fragen an den Wald – und was Erholungsforschung über Abschalten, Muße und Niksen weiß.

13. August 2025 · 8 Min. Lesezeit

Die Bank steht am Rand einer Lichtung, das Holz ist noch warm von der Nachmittagssonne. Über dem Farn tanzen Mücken in einer Lichtsäule, eine Buche lässt ein einzelnes gelbes Blatt los, und es braucht erstaunlich lange bis zum Boden. Man sitzt. Und genau in diesem Moment meldet sich eine Stimme, leise, aber sehr bestimmt: Du könntest jetzt eigentlich auch etwas Sinnvolles tun.

Wald, warum habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nichts tue?

Weil viele von uns gelernt haben, Zeit wie Geld zu behandeln: Was nicht angelegt wird, gilt als verschwendet. Im Englischen hat das Gefühl einen griffigen Namen bekommen, Productivity Guilt. Eine Diagnose ist das nicht, eher ein Zeitgeistwort. Aber die Haltung dahinter ist erforscht. Die Marketingforscherin Gabriela Tonietto von der Rutgers University hat mit Kolleginnen und Kollegen der Ohio State University und aus Harvard untersucht, was passiert, wenn Menschen Freizeit für Verschwendung halten. Das Ergebnis, 2021 veröffentlicht: Sie genießen sie schlechter. Das galt für Partys ebenso wie für ein kurzes, lustiges Katzenvideo zwischendurch. In einer Befragung von 199 Studierenden berichteten diejenigen, die Muße für vergeudet hielten, zudem von weniger Glück und mehr Stress, Ängstlichkeit und depressiven Gefühlen.

Bemerkenswert ist eine Nebenbeobachtung: Freizeit, die einem höheren Zweck dient, etwa mit den Kindern an Halloween von Tür zu Tür zu ziehen, verlor für die Skeptiker nichts von ihrem Reiz. Das schlechte Gewissen trifft also vor allem das zweckfreie Tun. Ausgerechnet das, was der Wald am besten kann.

Wald, warum fällt mir das Stillsitzen so schwer?

Da sind wir nicht allein. 2014 bat der Sozialpsychologe Timothy Wilson von der University of Virginia Versuchspersonen, für einige Minuten in einem kargen Raum zu sitzen und einfach nur nachzudenken, ohne Telefon, ohne Buch. Den meisten fiel das schwer. In einem der Versuche lag ein Knopf bereit, mit dem man sich selbst einen leichten Stromschlag geben konnte; vorher hatten die Teilnehmenden erklärt, sie würden sogar Geld zahlen, um ihn zu vermeiden. In den folgenden 15 Minuten drückten 12 von 18 Männern und 6 von 24 Frauen mindestens einmal auf den Knopf. Lieber ein Schmerz als gar nichts.

Das Experiment ist ungemütlich, aber es erklärt etwas: Untätigkeit in einem leeren Raum ist Leere. Der Kopf sucht dann nach irgendeiner Aufgabe, und sei es eine schmerzhafte. Ein Wald dagegen ist niemals leer.

Wald, ist Nichtstun wirklich nichts?

Das Gehirn jedenfalls hält nicht still, wenn wir es tun. Sobald die Aufmerksamkeit nicht mehr auf eine äußere Aufgabe gerichtet ist, wird ein Verbund von Hirnregionen aktiver, den die Forschung Default Mode Network nennt, das Ruhezustandsnetzwerk. Die Bildungsforscherin Mary Helen Immordino-Yang von der University of Southern California hat 2012 mit ihrem Team zusammengetragen, was in diesen scheinbar leeren Momenten geschieht: Wir erinnern uns an Erlebtes, entwerfen die Zukunft, denken über uns selbst und über andere nach, wägen ab, was richtig ist. Ihr Aufsatz trägt den programmatischen Titel Rest Is Not Idleness, Ruhe ist nicht Müßiggang. Vieles davon ist noch Hypothese. Aber das Bild ist eindeutig genug: Beim Tagträumen wird nicht nichts erledigt. Es wird Sinn sortiert.

Beim Tagträumen wird nicht nichts erledigt. Es wird Sinn sortiert.

Wald, was heißt eigentlich „abschalten“?

Die Arbeitspsychologin Sabine Sonnentag von der Universität Mannheim hat dem Wort eine präzise Bedeutung gegeben. Gemeinsam mit Charlotte Fritz beschrieb sie 2007 vier Erfahrungen, die Erholung nach der Arbeit ausmachen: psychologische Distanzierung, also auch gedanklich nicht mehr bei der Arbeit zu sein; Entspannung; Herausforderung durch etwas Neues, das nichts mit dem Job zu tun hat; und Kontrolle, das Gefühl, über die eigene freie Zeit selbst zu bestimmen.

Die Distanzierung hat Sonnentag besonders genau untersucht. Ihr Befund, 2012 zusammengefasst: Wer in der Freizeit innerlich wirklich Abstand nimmt, ist zufriedener mit seinem Leben und hat weniger Beschwerden durch Belastung, ohne sich deshalb weniger für seine Arbeit zu engagieren. Abschalten zahlt sogar auf die Arbeitsleistung ein. Das schlechte Gewissen beim Ausruhen beruht also auf einem Rechenfehler: Es hält für Verlust, was in Wahrheit die Voraussetzung ist.

Wald, warum gelingt es ausgerechnet bei dir?

Die Umweltpsychologen Rachel und Stephen Kaplan haben beschrieben, was einen Ort erholsam macht. Zwei ihrer Bedingungen passen genau zu Sonnentags Distanzierung. Die eine ist das Gefühl, weg zu sein: Zwischen Stämmen und Moos erinnert nichts an Bildschirm, Postfach und Termine. Die andere ist die sanfte Faszination. Ziehende Wolken, Licht auf Blättern, ein Käfer auf einem Pilz halten den Blick, ohne ihn zu fordern. Hier liegt der Unterschied zu Wilsons kahlem Versuchsraum. Im Wald muss man nichts tun, aber es gibt immer etwas, an dem der Blick ausruhen kann. Die Leere, vor der der Kopf flieht, kommt gar nicht erst auf.

Und noch etwas: Der Wald verlangt keine Leistung. Kaplan nannte eine weitere Bedingung Vereinbarkeit, eine Umgebung, in der man tun kann, wonach einem ist. Gehen, stehen bleiben, sitzen, umkehren. Kein Baum fragt nach dem Ergebnis. In Finnland, wo Kalevi Korpela und Ulla Kinnunen das Freizeitverhalten Berufstätiger untersucht haben, zeigte sich ein passender Zusammenhang: Wer seine freie Zeit häufiger in der Natur verbrachte, berichtete ein geringeres Bedürfnis, sich von der Arbeit erholen zu müssen.

Wald, reicht schon eine Mittagspause bei dir?

Hier ist die Forschung ehrlicher, als es Ratgeber oft sind. Ein finnisches Team um Jessica de Bloom ließ 153 Wissensarbeiterinnen und -arbeiter in der Mittagspause entweder kurz durch einen Park gehen, Entspannungsübungen machen oder ihre Pause wie gewohnt verbringen. Im Herbst fühlten sich die Spaziergänger nach dem Mittag und am Nachmittag erholter und weniger müde, und unter allen Gruppen zeigte der Parkspaziergang die beständigsten Effekte. Im Frühling dagegen tat sich kaum etwas. Die Forschenden selbst nannten die Wirkungen schwach, kurzlebig und abhängig von der Jahreszeit.

Das ist keine Enttäuschung, sondern eine Einordnung. Fünfzehn Minuten zwischen Bäumen ändern kein Leben. Was man noch nicht weiß, ist vor allem dies: ob regelmäßige, längere Zeit im Wald das Gefühl der Leistungsschuld selbst verändert, und für wen die Wirkung am größten ist. Die meisten Studien sind klein, kurz und beruhen auf Selbstauskünften. Und wer dauerhaft erschöpft ist, wem das Abschalten gar nicht mehr gelingt, braucht mehr als einen Spaziergang, nämlich Unterstützung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine Psychotherapeutin.

Wald, darf ich das: einfach niksen?

Die Niederländer haben ein Verb dafür. Niksen heißt schlicht: nichts tun. Die Journalistin Olga Mecking hat es 2019 in der New York Times und später in einem Buch bekannt gemacht, als Gegenbild zur Selbstoptimierung, die selbst die Achtsamkeit noch zur Übung mit Lernziel macht. Niksen kennt keine Technik. Man schaut aus dem Fenster. Oder in die Baumkronen.

Ganz neu ist die Idee nicht. Aristoteles schrieb in der Nikomachischen Ethik, wir seien geschäftig, um Muße zu haben. Das griechische Wort für Muße, scholé, ist übrigens die Wurzel unserer „Schule“: Lernen galt einmal als das, was freie Zeit ermöglicht, nicht als das Gegenteil davon. Im Wald lässt sich dieser alte Gedanke wiederfinden. Wer sich eine Erlaubnis wünscht, kann sie sich hier ausstellen. Die Buche, die Lichtung und die Bank stellen keine Bedingungen.

Und wieder die Bank

Das gelbe Blatt ist inzwischen gelandet, zwischen Farn und Bucheckern, und niemand hat es gezählt. Die Stimme, die eben noch nach etwas Sinnvollem verlangte, ist leiser geworden. Vielleicht kommt sie auf dem Heimweg zurück. Aber für eine halbe Stunde hat man etwas getan, das sich nicht abhaken lässt: Man war da. Der Wald hat dabei nicht einmal hingesehen. Er wächst ja auch, ohne sich je zu beeilen.

Quellen

Tonietto, G. N., Malkoc, S. A., Reczek, R. W., Norton, M. I. (2021): Viewing leisure as wasteful undermines enjoyment. Journal of Experimental Social Psychology, 97, 104198.

Wilson, T. D., Reinhard, D. A., Westgate, E. C., Gilbert, D. T., Ellerbeck, N., Hahn, C., Brown, C. L., Shaked, A. (2014): Just think: The challenges of the disengaged mind. Science, 345(6192), 75–77. DOI

Immordino-Yang, M. H., Christodoulou, J. A., Singh, V. (2012): Rest is not idleness: Implications of the brain’s default mode for human development and education. Perspectives on Psychological Science, 7(4), 352–364. DOI

Sonnentag, S., Fritz, C. (2007): The Recovery Experience Questionnaire: Development and validation of a measure for assessing recuperation and unwinding from work. Journal of Occupational Health Psychology, 12(3), 204–221. DOI

Sonnentag, S. (2012): Psychological detachment from work during leisure time: The benefits of mentally disengaging from work. Current Directions in Psychological Science, 21(2), 114–118. DOI

Kaplan, S. (1995): The restorative benefits of nature: Toward an integrative framework. Journal of Environmental Psychology, 15(3), 169–182. DOI

Korpela, K., Kinnunen, U. (2011): How is leisure time interacting with nature related to the need for recovery from work demands? Testing multiple mediators. Leisure Sciences, 33(1), 1–14.

de Bloom, J., Sianoja, M., Korpela, K., Tuomisto, M., Lilja, A., Geurts, S., Kinnunen, U. (2017): Effects of park walks and relaxation exercises during lunch breaks on recovery from job stress: Two randomized controlled trials. Journal of Environmental Psychology, 51, 14–30. DOI

Mecking, O. (2019): The Case for Doing Nothing. The New York Times, 29.04.2019. – Mecking, O. (2021): Niksen: Embracing the Dutch Art of Doing Nothing. Houghton Mifflin Harcourt.

Aristoteles: Nikomachische Ethik, Buch X, Kap. 7 (1177b).

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Merkblatt · Productivity Guilt

  • Wer Freizeit für Verschwendung hält, genießt sie messbar weniger.
  • Nichtstun im leeren Raum fällt schwer, im Wald bietet sich sanfte Faszination.
  • Im Ruhezustand ordnet das Gehirn Erinnerungen, Pläne und Werte.
  • Gedanklich Abstand von der Arbeit: zufriedener, ohne weniger engagiert zu sein.
  • Kurze Parkspaziergänge helfen etwas, die Wirkung ist aber schwach und saisonabhängig.
  • Niksen: zweckfrei dasitzen ist erlaubt, ohne Technik und ohne Ziel.

Meine Notizen

Sieben Fragen an den Wald: Darf man hier einfach nichts tun?thegardeninthewoods.de · hello@thegardeninthewoods.de

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