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Warum der Wald heilt

Freies Spiel im Wald: Ein kleines Lexikon von Ast bis Zecke

Kinder im Wald sind gesünder

Ast, Bach, Dreck, Risiko, Stille: dreizehn Stichworte zum freien Spiel im Wald – von Ella Flataus erstem Waldkindergarten bis zu dem, was die Forschung über Motorik und Mut weiß.

15. August 2025 · 8 Min. Lesezeit

Ein Ast liegt quer über dem Weg, armdick, feucht, mit Moos an der Nordseite. Ein Erwachsener steigt darüber. Ein Kind bleibt stehen, prüft das Gewicht, hebt ihn an einem Ende hoch und hat plötzlich ein Pferd, eine Brücke, ein Schwert. Ringsum riecht es nach nassem Laub, irgendwo gluckert Wasser, und für die nächste Stunde braucht niemand ein Programm.

Was dort geschieht, nennt man freies Spiel: Kinder bestimmen selbst, was sie tun, mit wem und wie lange. Der Wald ist dafür eine besondere Bühne – ohne Kulisse, ohne Gebrauchsanweisung. Ein kleines Lexikon in dreizehn Stichworten.

Ast · das erste Werkzeug

Kein Spielzeug ist so wandelbar. Ein Ast ist heute Angel, morgen Zauberstab, übermorgen Dachbalken einer Hütte, die drei Kinder einen ganzen Vormittag lang beschäftigt. Weil er nichts vorgibt, muss das Kind alles selbst erfinden: die Geschichte, die Regeln, den Bauplan. Und es lernt dabei nebenbei, wie schwer Holz ist, wie es bricht und wie man zu zweit trägt, was allein nicht geht.

Bach · Physik zum Anfassen

Wasser fließt bergab, Steine stauen es, Rinde schwimmt, Kiesel nicht. Ein Bach ist das geduldigste Labor der Welt. Kinder bauen Dämme, sehen sie brechen und bauen sie wieder auf. Dass dabei Gummistiefel volllaufen, gehört dazu.

Dreck · gute Gesellschaft

Erde, Laub und Moos sind voller Mikroben, und das ist vermutlich eher gut so. Ein finnisches Team um Marja Roslund und Aki Sinkkonen ließ 2020 die kahlen Kies- und Asphalthöfe von vier städtischen Kitas begrünen: Rasen, Waldboden mit Heidekraut und Blaubeeren, Pflanzkisten zum Gärtnern. Nach 28 Tagen war die Mikrobenvielfalt auf der Haut der Drei- bis Fünfjährigen gestiegen, und im Blut zeigten sich Verschiebungen bei Immunbotenstoffen, die als entzündungshemmend gelten. Eine kleine Studie über einen kurzen Zeitraum – aber ein Hinweis darauf, dass schmutzige Hände mehr sind als ein Wäscheproblem.

Flamingo · Gleichgewicht auf einem Bein

So heißt ein Balancetest, und er spielt in einer der bekanntesten Studien zum Thema die Hauptrolle. Die norwegische Sportwissenschaftlerin Ingunn Fjørtoft beobachtete neun Monate lang 75 Kinder zwischen fünf und sieben Jahren. 46 von ihnen spielten täglich ein bis zwei Stunden in einem knapp acht Hektar großen Mischwald, 29 auf einem gewöhnlichen Spielplatz. Im Herbst lag die Spielplatzgruppe in Balance und Koordination noch vorn, im Juni hatte die Waldgruppe sie deutlich überholt. Fjørtofts Erklärung: Der Wald ist uneben, schräg, wurzelig. Jeder Schritt ist eine kleine Übung, die keiner angeordnet hat.

Jeder Schritt ist eine kleine Übung, die keiner angeordnet hat.

Langeweile · die Pause vor der Idee

Im Wald gibt es keinen Bildschirm, der übernimmt, wenn nichts los ist. Erst wird gequengelt, dann herumgestanden, dann in einem Erdloch gestochert – und plötzlich ist es ein Drachennest. Langeweile ist oft nur der Moment, bevor das Kind selbst entscheidet, was es tun will. Wer ihn aushält, statt ihn zu füllen, schenkt ihm diese Entscheidung.

Matsch · die Werkstatt der Hände

Erde plus Wasser ergibt den vielseitigsten Werkstoff des Waldes. Kuchen, Burgmauern, Fußabdrücke, Farbe für Baumrinden. Matsch trainiert, was Grobmotorik allein nicht kann: Kneten, Formen, feines Dosieren. Dass gerade hier die Studienlage gemischt ist, steht weiter unten.

Pionierinnen · eine Idee aus Dänemark

Die Geschichte beginnt in den Fünfzigerjahren in Søllerød nördlich von Kopenhagen. Ella Flatau ging täglich mit ihren eigenen Kindern in den Wald und merkte, wie gut ihnen das tat. Bald kamen Nachbarskinder dazu, eine Elterninitiative entstand, und daraus wurde der erste Waldkindergarten, auf Dänisch skovbørnehave.

In Deutschland gründete Ursula Sube 1968 in Wiesbaden einen Waldkindergarten, privat betrieben und vom Jugendamt nie offiziell anerkannt. Als erster staatlich anerkannter deutscher Waldkindergarten gilt der in Flensburg, eröffnet im Mai 1993. Seitdem ist aus der Ausnahme eine Bewegung geworden: Der Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten geht inzwischen von mehr als 2.000 Einrichtungen in Deutschland aus.

Risiko · die Angst, die kleiner wird

Die norwegische Forscherin Ellen Beate Hansen Sandseter hat Kindern in Kindergärten beim Spielen zugesehen und das riskante Spiel in sechs Kategorien geordnet: Höhe, Geschwindigkeit, gefährliche Werkzeuge, gefährliche Elemente wie Wasser oder Feuer, Toben und Raufen sowie das Verschwinden, also sich verstecken oder verlaufen können. Der Wald bietet alle sechs.

Zusammen mit dem Psychologen Leif Edward Ottesen Kennair entwickelte sie die These, dass solches Spiel eine Funktion hat: Kinder setzen sich freiwillig und lustvoll genau den Reizen aus, vor denen sie sich fürchten, und verlieren die Angst in dem Maß, in dem sie die Situation beherrschen lernen. Eine Übersichtsarbeit unter Leitung von Mariana Brussoni an der University of British Columbia wertete 2015 die verfügbaren Studien aus und fand überwiegend positive Zusammenhänge von riskantem Spiel draußen mit Bewegung, sozialem Verhalten und Gesundheit – bei zugleich dünner Datenlage.

Risiko heißt dabei nicht Gefahr. Ein Kind, das selbst einschätzt, wie hoch es klettern kann, übt genau das: Einschätzen. Die Erwachsenen bleiben in der Nähe, aber sie greifen nicht bei jedem Wackeln ein.

Schule · was danach kommt

Die erste größere deutsche Untersuchung stammt von Peter Häfner, der an der Universität Heidelberg promovierte. Er ließ Grundschullehrkräfte 230 ehemalige Waldkindergartenkinder und 114 Kinder aus Regelkindergärten beurteilen. Die Waldkinder schnitten bei Konzentration, Sozialverhalten, Ausdauer und Motivation besser ab, in der Grobmotorik etwa gleich, in der Feinmotorik schlechter. Eine Lizentiatsarbeit an der Universität Fribourg fand 2004 bei 181 Schweizer Kindern: Je mehr Waldtage, desto besser die motorischen Testergebnisse.

Stille · das Ohr wird größer

Ein Kita-Raum mit zwanzig Kindern ist laut. Im Wald verteilt sich der Lärm, und dazwischen öffnen sich Lücken: ein Specht, der Wind in den Kronen, das Knacken unter den eigenen Füßen. Viele Waldgruppen beginnen den Tag mit einem Kreis, in dem kurz niemand spricht. Kinder, die sonst kaum stillhalten, lauschen dann erstaunlich lange.

Unbekannt · was man noch nicht weiß

Die Forschung ist ermutigend, aber nicht stark. Die meisten Studien sind klein, die Gruppen werden nicht zufällig zugeteilt, und Eltern, die einen Waldkindergarten wählen, unterscheiden sich womöglich von anderen. Häfners Daten beruhen auf Lehrerurteilen, nicht auf Tests. Die finnische Immunstudie lief vier Wochen, mit 75 Kindern in zehn Kitas. Und dass Waldkinder in der Feinmotorik schwächer bewertet wurden, ist ein ernst zu nehmender Befund, kein Fußnotendetail. Der Wald ist kein Wundermittel – aber ein Raum, den viele Kinder heute kaum noch haben.

Wetter · es gibt nur Kleidung

Waldgruppen sind bei Regen, Wind und Frost draußen, nur bei Sturm und Gewitter nicht. Der alte Satz, dass es kein schlechtes Wetter gibt, nur falsche Kleidung, ist hier Alltag: Zwiebelprinzip, Matschhose, Mütze, Wechselsocken im Rucksack. Wer einmal Kinder in einer Pfütze nach Regenwürmern hat suchen sehen, ahnt, dass Regen für sie selten das Problem ist.

Zecke · die kleine Pflicht

Zum Wald gehören Zecken. Lange Hosen, helle Kleidung und das gründliche Absuchen am Abend, besonders in Kniekehlen, Leisten, Achseln und am Haaransatz, sind deshalb Routine. Eine entdeckte Zecke wird zügig und gerade herausgezogen. Ob eine FSME-Impfung sinnvoll ist, hängt von der Region ab und gehört in das Gespräch mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt.

Am Ende des Tages liegt der Ast wieder irgendwo am Wegrand. Er war ein Pferd, eine Brücke, ein Schwert und zuletzt ein Stück Zaun um ein Drachennest. Morgen wird er etwas anderes sein, und niemand muss erklären, was. Vielleicht ist das die einfachste Definition von freiem Spiel: ein Stück Holz, ein Kind und genug Zeit, damit aus dem einen das andere wird.

Quellen

Fjørtoft, I. (2001): The Natural Environment as a Playground for Children: The Impact of Outdoor Play Activities in Pre-Primary School Children. Early Childhood Education Journal, 29(2), 111–117. DOI

Sandseter, E. B. H. (2007): Categorising risky play – how can we identify risk-taking in children’s play? European Early Childhood Education Research Journal, 15(2), 237–252. DOI

Sandseter, E. B. H., Kennair, L. E. O. (2011): Children’s risky play from an evolutionary perspective: The anti-phobic effects of thrilling experiences. Evolutionary Psychology, 9(2), 257–284. DOI

Brussoni, M. et al. (2015): What is the Relationship between Risky Outdoor Play and Health in Children? A Systematic Review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 12(6), 6423–6454. PubMed

Roslund, M. I., Puhakka, R., Grönroos, M. et al. (2020): Biodiversity intervention enhances immune regulation and health-associated commensal microbiota among daycare children. Science Advances, 6(42), eaba2578. DOI

Häfner, P. (2002): Natur- und Waldkindergärten in Deutschland – eine Alternative zum Regelkindergarten in der vorschulischen Erziehung. Dissertation, Universität Heidelberg; Kurzfassung: Häfner, P. (2003): Wie schulfähig macht der Waldkindergarten? Kindergarten heute, 4, 32–34.

Kiener, S. (2004): Kindergärten in der Natur – Kindergärten in die Natur? Fördert das Spielen in der Natur die Entwicklung der Motorik und Kreativität von Kindergartenkindern? Lizentiatsarbeit, Psychologisches Institut der Universität Fribourg.

Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten in Deutschland (BvNW): Forschung Waldkindergarten (Studienübersicht) und Informationen zur Geschichte der Waldkindergärten. bvnw.de

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Merkblatt · Freies Spiel im Wald

  • Der erste Waldkindergarten entstand in den 1950ern in Dänemark, durch Ella Flatau.
  • Erster staatlich anerkannter deutscher Waldkindergarten: Flensburg, 1993.
  • Unebener Waldboden schult Balance und Koordination messbar.
  • Riskantes Spiel kann Ängste abbauen und Selbsteinschätzung üben.
  • Studien sind klein; Feinmotorik schnitt bei Waldkindern teils schwächer ab.
  • Abends gründlich nach Zecken absuchen, FSME-Impfung ärztlich besprechen.

Meine Notizen

Freies Spiel im Wald: Ein kleines Lexikon von Ast bis Zeckethegardeninthewoods.de · hello@thegardeninthewoods.de

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