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Der Mensch im Wald

Rechte der Natur: Wenn ein Fluss vor Gericht zieht

Die Rechte der Natur - wenn die natur die gleichen rechte hat die wie menschen

Pachamama, heilige Haine, ein Fluss als Ahne: Alte Weltbilder sahen die Natur als Wesen. Heute schreiben Ecuador, Neuseeland und Spanien das ins Recht – mit gemischtem Erfolg.

31. August 2025 · 8 Min. Lesezeit

Wer am Ufer eines Flusses sitzt, hört ihn nie schweigen. Er gluckst an den Steinen, rauscht über die Schwelle, flüstert unter überhängenden Erlen. Kaum jemand würde sagen, dass hier nur Wasser vorbeifließt. Und doch hat unser Recht den Fluss lange genau so behandelt: als Sache, die jemandem gehört – oder niemandem.

Götter ohne Mauern

Als der römische Geschichtsschreiber Tacitus um das Jahr 98 seine Germania verfasste, fiel ihm an den Stämmen nördlich der Alpen etwas auf. Sie sperrten ihre Götter nicht in Tempel und gaben ihnen keine menschliche Gestalt. Stattdessen weihten sie Haine und Wälder und benannten mit den Namen der Götter jenes Geheimnisvolle, das sie allein in Ehrfurcht schauten. Der Wald war hier kein Holzvorrat. Er war ein Gegenüber.

Das moderne europäische Recht hatte dafür lange keine Sprache. Es kennt Personen, und es kennt Sachen. Ein Fluss gehörte zu den Sachen.

Ein Jurist fragt nach den Bäumen

1972 stellte Christopher D. Stone, Rechtsprofessor an der University of Southern California, in der Southern California Law Review eine Frage, die viele für einen Scherz hielten: Should Trees Have Standing? – sollen Bäume vor Gericht klagen dürfen? Stone meinte es ernst. Er erinnerte daran, dass in der Rechtsgeschichte jede Ausweitung von Rechten auf ein neues Wesen zuvor ein wenig undenkbar erschienen war. Unternehmen und Staaten haben längst Rechte, ohne zu atmen. Warum nicht ein Wald, für den ein Vormund spricht?

Vor dem Supreme Court lag damals der Fall Sierra Club v. Morton: Der Disney-Konzern wollte im Mineral-King-Tal der kalifornischen Sierra Nevada ein großes Skigebiet bauen. Die Mehrheit der Richter wies den Sierra Club ab, weil er nicht selbst betroffen sei. Richter William O. Douglas widersprach in einem berühmten Sondervotum und berief sich auf Stone: Die öffentliche Sorge um das Gleichgewicht der Natur solle dazu führen, Naturgegenständen das Klagerecht zu ihrem eigenen Schutz zuzugestehen. Der Fall, schrieb er, hieße besser Mineral King v. Morton. Gebaut wurde das Skigebiet am Ende nicht.

Die Mutter, in der das Leben entsteht

In den Anden heißt sie Pachamama, Mutter Erde. Sie ist keine ferne Göttin, sondern der Boden selbst, der nährt. Damit verbunden ist ein Gedanke, den die Kichwa Sumak Kawsay nennen, das gute Leben: ein Leben im Gleichgewicht mit der Gemeinschaft und mit der Natur, nicht auf ihre Kosten.

Montecristi 2008

Genau diese Worte stehen heute in einer Verfassung. In Montecristi an der Pazifikküste schrieb eine verfassunggebende Versammlung Ecuadors Grundgesetz neu; am 28. September 2008 nahm die Bevölkerung es per Referendum an. Schon die Präambel spricht vom buen vivir, el sumak kawsay. Artikel 71 lautet: Die Natur oder Pacha Mama, in der sich das Leben fortpflanzt und verwirklicht, hat das Recht, dass ihre Existenz sowie der Erhalt und die Erneuerung ihrer Lebenszyklen, Strukturen, Funktionen und Entwicklungsprozesse umfassend geachtet werden. Ecuador war damit das erste Land, das der Natur Rechte in der Verfassung gab.

Wie das in der Wirklichkeit aussieht, zeigte sich 2011 im Süden des Landes. Die Provinzregierung von Loja verbreiterte die Straße von Vilcabamba nach Quinara und kippte Geröll und Aushub in den Fluss Vilcabamba – ohne Umweltprüfung. Bei Hochwasser trat der Fluss über die Ufer. Zwei Anwohner, Richard Frederick Wheeler und Eleanor Geer Huddle, klagten nicht nur für ihr Grundstück, sondern im Namen des Flusses. Das Provinzgericht von Loja gab ihnen recht, berief sich auf das Vorsorgeprinzip und nannte Schäden an der Natur „Schäden über Generationen“. Die Provinz musste den Fluss sanieren und sich öffentlich entschuldigen. Es war der erste gewonnene Prozess, der sich auf die Rechte der Natur stützte.

Doch ein gewonnener Prozess ist noch kein gesunder Fluss. Auch in Ecuador werden weiter Öl gefördert und Minen geplant. Craig Kauffman und Pamela Martin haben untersucht, warum manche Klagen gewinnen und andere scheitern.

Die Kinder des Nebels

Auf der Nordinsel Neuseelands liegt ein Bergland aus Regenwald, Seen und Nebel. Die Tūhoe, die hier leben, nennen sich Kinder des Nebels. Für sie ist Te Urewera, so heißt es im Gesetz selbst, „Te Manawa o te Ika a Māui“, das Herz des großen Fisches des Māui. Te Urewera ist ihr Ursprung und der Ort, an den sie zurückkehren.

Ein paar Hundert Kilometer weiter fließt der Whanganui vom Vulkanplateau bis zur Tasmansee. Die Iwi an seinen Ufern sehen in ihm einen Ahnen. Ihr Sprichwort ist inzwischen Gesetzestext geworden: Ko au te Awa, ko te Awa ko au.

Ich bin der Fluss, und der Fluss ist ich.

Ein Wald wird Person, dann ein Fluss

Zuerst kam der Wald. Mit dem Te Urewera Act von 2014 hörte der frühere Nationalpark auf, ein Nationalpark zu sein. Er ist seither eine juristische Einheit mit allen Rechten, Pflichten und Haftungen einer Rechtsperson; ein Gremium aus Vertretern von Tūhoe und Staat handelt in seinem Namen. Das Land gehört nicht mehr dem Staat, sondern sich selbst.

Drei Jahre später, im März 2017, folgte der Te Awa Tupua Act. Der Whanganui gilt seither als unteilbares, lebendiges Ganzes von den Bergen bis zum Meer und als Rechtsperson. Für ihn spricht Te Pou Tupua, „das menschliche Gesicht des Flusses“: zwei Menschen, einer von den Iwi benannt, einer von der Krone. Beide Gesetze entstanden aus Vergleichen über koloniales Unrecht und sind weniger eine Erfindung westlicher Juristen als die Übersetzung einer alten Beziehung in die Sprache des Parlaments.

Die Göttin, die vom Himmel fiel

Kaum ein Fluss der Welt wird so verehrt wie der Ganges. In der hinduistischen Überlieferung ist Ganga eine Göttin, die auf die Bitte des Königs Bhagiratha vom Himmel herabstieg. Damit ihr Sturz die Erde nicht zerschlug, fing Shiva sie in seinem Haar auf.

Ein Urteil hält vier Monate

Am 20. März 2017, demselben Tag, an dem das Whanganui-Gesetz in Kraft gesetzt wurde, erklärte das Obere Gericht des Bundesstaats Uttarakhand Ganges und Yamuna zu lebendigen Wesen mit dem Status juristischer Personen. Als Vormünder setzten die Richter Rajiv Sharma und Alok Singh unter anderem den Direktor des staatlichen Gangesprogramms Namami Gange, den obersten Verwaltungsbeamten des Bundesstaats und dessen Generalstaatsanwalt ein. Die Landesregierung zog dagegen vor den Supreme Court: Wie sollten Beamte eines einzigen Bundesstaats für einen Fluss sprechen, der durch mehrere Staaten bis nach Westbengalen fließt? Am 7. Juli 2017 setzte das oberste Gericht Indiens das Urteil aus. Die Göttin blieb heilig – und rechtlich wieder eine Sache.

Die Lagune, die eine Stimme bekam

Bleibt Europa, wo Tacitus einst die heiligen Haine beschrieb. Das Mar Menor an der Küste von Murcia ist die größte Salzwasserlagune des Kontinents. Jahrzehntelang flossen Nitrate aus der intensiven Landwirtschaft hinein. 2016 färbte sich das Wasser grün, Umweltverbände sprachen von einer „Sopa verde“, einer grünen Suppe; ein Großteil der Seegraswiesen verschwand. Im Oktober 2019 und im Sommer 2021 trieben tote Fische ans Ufer.

Die Rechtsphilosophin Teresa Vicente von der Universität Murcia schrieb daraufhin einen Gesetzentwurf und brachte ihn als Volksinitiative auf den Weg; mehr als 600.000 Menschen unterschrieben. Am 30. September 2022 trat das Gesetz 19/2022 in Kraft: Die Lagune samt ihrem Einzugsgebiet ist seither ein Rechtssubjekt mit dem Recht zu existieren, sich natürlich zu entwickeln, geschützt, erhalten und wiederhergestellt zu werden. Für sie sprechen Vertreter von Staat, Region und Bürgerschaft, beraten von Wissenschaftlern; klagen darf in ihrem Namen jeder Mensch. Im November 2024 bestätigte das spanische Verfassungsgericht das Gesetz. Gesund ist die Lagune damit noch nicht. Aber sie ist zum ersten Mal in Europa jemand, nicht etwas.

Wieder am Ufer

Was all diese Fälle verbindet, ist kein Zauber. Ein Gesetz allein reinigt keinen Fluss, ein Urteil kann aufgehoben werden. Die Rechte der Natur sind nur so stark wie die Menschen, die bereit sind, für sie zu sprechen. Und doch verändern sie den Blick. Wer am Ufer sitzt und dem Wasser zuhört, fragt vielleicht nicht mehr, wem dieser Fluss gehört. Sondern, was er braucht. Die alten Völker haben ihm diese Frage immer schon gestellt. Das Recht beginnt gerade erst, zuzuhören.

Quellen

Tacitus (um 98 n. Chr.): Germania, Kapitel 9.

Stone, C. D. (1972): Should Trees Have Standing? Toward Legal Rights for Natural Objects. Southern California Law Review, 45, 450–501.

Supreme Court of the United States (1972): Sierra Club v. Morton, 405 U.S. 727; Sondervotum von Richter William O. Douglas.

Boston Globe (2021): Christopher Stone, environmental scholar who championed fundamental rights of nature, dies at 83. bostonglobe.com

Burdon, P. (2010): The Rights of Nature: Reconsidered. Australian Humanities Review, 49. australianhumanitiesreview.org

República del Ecuador (2008): Constitución de la República del Ecuador, Präambel und Artikel 71–74.

Greene, N. (2011): The first successful case of the Rights of Nature implementation in Ecuador. Global Alliance for the Rights of Nature. garn.org

Kauffman, C. M., Martin, P. L. (2017): Can Rights of Nature Make Development More Sustainable? Why Some Ecuadorian Lawsuits Succeed and Others Fail. World Development, 92, 130–142. ScienceDirect

New Zealand Parliament (2014): Te Urewera Act 2014, Sections 3, 11, 12. legislation.govt.nz

New Zealand Parliament (2017): Te Awa Tupua (Whanganui River Claims Settlement) Act 2017, Sections 12–20. legislation.govt.nz

High Court of Uttarakhand (2017): Mohd. Salim v. State of Uttarakhand, Writ Petition (PIL) No. 126 of 2014, Urteil vom 20. März 2017. elaw.org

LiveLaw (2017): SC Stays Uttarakhand HC’s Order Declaring Ganga And Yamuna Rivers As Living Legal Entities. livelaw.in

Jefatura del Estado (2022): Ley 19/2022, de 30 de septiembre, para el reconocimiento de personalidad jurídica a la laguna del Mar Menor y su cuenca. BOE núm. 237, 3. Oktober 2022. boe.es

Tribunal Constitucional (2024): Sentencia 142/2024, de 20 de noviembre, Recurso de inconstitucionalidad 8583-2022. civil-mercantil.com

Maldita.es (2021): ¿Cómo ha llegado el Mar Menor a esta situación de crisis ecológica? maldita.es

Global Alliance for the Rights of Nature: Mar Menor. garn.org

Merkblatt · Rechte der Natur

  • Christopher Stone fragte 1972 als einer der Ersten: Sollen Bäume klagen dürfen?
  • Ecuador schrieb 2008 als erstes Land Rechte der Natur in seine Verfassung.
  • 2011 gewann der Fluss Vilcabamba den ersten Prozess gegen einen Straßenbau.
  • Neuseeland: Te Urewera (2014) und Whanganui (2017) sind Rechtspersonen mit menschlichen Vertretern.
  • Indiens Gerichtsurteil zu Ganges und Yamuna wurde 2017 nach wenigen Monaten ausgesetzt.
  • Das Mar Menor ist seit 2022 Europas erstes Ökosystem mit eigenen Rechten.

Meine Notizen

Rechte der Natur: Wenn ein Fluss vor Gericht ziehtthegardeninthewoods.de · hello@thegardeninthewoods.de