Im Mai weiße Wolke, im Sommer Vogelhaus, im Herbst rote Fülle, im Winter Wächter: ein Jahr mit dem Weißdorn – mit drei Rezepten und dem ehrlichen Stand der Herzforschung.
Im Januar ist die Hecke ein Gewirr aus grauem Holz und langen Dornen. Nur hier und da hängen noch Früchte an den kahlen Zweigen, dunkel gewordenes Rot, kaum größer als eine Erbse. Eine Amsel turnt durchs Geäst, pickt, verschwindet. Was im Herbst Fülle war, ist jetzt Vorrat – und der Weißdorn tut, was er seit Jahrhunderten tut: Er steht still und bewacht.
Frühling · Eine weiße Wolke über dem Hag
Mit dem ersten Grün wird aus dem Dornengewirr wieder ein Strauch, dann folgen die Blüten. In England ist der Weißdorn die Pflanze des ersten Mai; seine Blüten schmückten Maikönigin und Maibaum. Die alte Regel „Ne’er cast a clout till May is out“ meint wohl nicht den Monat, sondern die Blüte: Erst wenn der Weißdorn blüht, legt man die warme Kleidung ab.
Auch hierzulande holte man die Zweige ins Haus, zur Hochzeit, als Wunsch für eine fruchtbare Ehe. Und die Dichter liebten ihn: Marcel Proust widmete den blühenden Weißdornhecken von Combray einige seiner zartesten Seiten. Auch die Pflanzenheilkunde interessiert sich vor allem für Blätter mit Blüten – doch davon im Winter, wenn Zeit für lange Fragen ist.
Sommer · Ein Haus aus Dornen
Seine alten Namen erzählen, wo er zu Hause ist. Hagedorn heißt er, Heckendorn, Zaundorn. Der „Hag“ war das umfriedete, von einer Hecke umschlossene Land, und kaum ein Strauch eignete sich besser als lebender Zaun: dicht, zäh, mit Dornen bis zu zweieinhalb Zentimetern. In Schleswig-Holstein ist er bis heute eine typische Pflanze der Knicks.
Im Sommer zeigt sich, dass dieser Zaun in Wahrheit ein bewohntes Haus ist. Der BUND Schleswig-Holstein zählt über hundert Schmetterlingsarten, die den Weißdorn als Nahrung oder Lebensraum nutzen; die Royal Botanic Gardens Kew sprechen für Großbritannien von mehr als 300 Insektenarten. Neuntöter, Gimpel und Hänfling bauen ihre Nester ins Dornengeflecht. Was den Menschen draußen hält, hält die Brut drinnen sicher.
Was den Menschen draußen hält, hält die Brut drinnen sicher.
Herbst · Kleine Äpfel, große Vorsicht
Der Weißdorn gehört zu den Rosengewächsen und ist mit Apfel und Birne verwandt; seine Früchte sehen aus wie winzige Äpfel. Ab Ende August, meist im September, sind sie reif: außen tomatenrot, innen mehlig und leicht süßlich. Regional heißen sie deshalb auch Mehlbeeren – nicht zu verwechseln mit der echten Mehlbeere, einem Baum aus der Gattung Sorbus. Jetzt lassen sich auch die beiden bei uns häufigsten Arten unterscheiden, die sich gern miteinander kreuzen: Die Frucht des Eingriffeligen Weißdorns trägt einen Kern, die des Zweigriffeligen zwei bis drei.
Auf diese Kerne kommt es an. Sie enthalten Amygdalin, aus dem im Körper Blausäure entstehen kann. Deshalb werden die Früchte in allen Rezepten mit Kernen gekocht und anschließend durch ein Sieb gestrichen; die Kerne bleiben zurück und wandern in den Kompost. Zerkleinern oder pürieren sollte man sie nie. Roh kann man die Früchte essen, in größeren Mengen bekommen sie aber nicht besonders gut. Zum Sammeln gehören feste Handschuhe, ein Platz abseits viel befahrener Straßen und gespritzter Feldränder – und Bescheidenheit: Ein Teil bleibt hängen, für die Vögel.
Weißdorn-Marmelade. Nach dem Grundrezept des NABU, für mehrere Gläser:
- 1 kg reife Weißdornfrüchte, ohne Stiele und Blätter
- etwa 750 ml Apfelsaft, so viel, dass die Früchte bedeckt sind
- Gelierzucker 1:1, knapp 1 kg pro Kilo Fruchtmasse
Früchte waschen, mit dem Saft bedecken und 10 bis 20 Minuten sanft köcheln, bis sie weich sind. Durch ein grobes Sieb streichen, die Kerne bleiben zurück. Die Fruchtmasse wiegen, mit der passenden Menge Gelierzucker aufkochen und nach Packungsangabe sprudelnd kochen lassen. Heiß in saubere Gläser füllen.
Weißdorn-Ketchup. Ein englischer Klassiker der Wildküche. Für etwa zwei kleine Gläser:
- 500 g Weißdornfrüchte
- 300 ml Wasser
- 300 ml Apfelessig
- 175 g Zucker, Salz, schwarzer Pfeffer
Früchte, Wasser und Essig aufkochen und etwa 30 Minuten köcheln, bis die Häute aufplatzen. Durch ein Sieb streichen und so viel Fruchtfleisch wie möglich herausdrücken; die Kerne bleiben im Sieb. Das Mark mit Zucker zurück in den Topf geben, kräftig salzen und pfeffern und 5 bis 10 Minuten einkochen, bis es dick und glänzend ist. Wer mag, gibt Knoblauch oder etwas Chili dazu. In Gläser füllen – die Masse wird sehr fest – und mindestens zwei Wochen ruhen lassen. Passt zu Käse, Wild und Ofengemüse.
Weißdorn-Sirup. Für etwa 500 ml:
- 500 g Weißdornfrüchte
- 600 ml Wasser
- 300 g Zucker
- Saft einer halben Zitrone
Früchte mit Wasser 30 Minuten köcheln, dabei mit dem Löffel leicht andrücken, ohne die Kerne zu zerdrücken. Durch ein mit einem Tuch ausgelegtes Sieb abseihen und gut ausdrücken. Den Saft mit Zucker und Zitrone fünf Minuten kochen und heiß in saubere Flaschen füllen. Kühl gelagert hält er einige Wochen; mit Mineralwasser verdünnt wird daraus eine herbe Herbstlimonade.
Winter · Die Wache am Zaun
Ohne Laub zeigt sich der Weißdorn als Bollwerk. Und was Grenzen zieht, bekommt leicht eine zweite, unsichtbare Aufgabe. Im Volksglauben sollte er vor Unheil schützen; man pflanzte ihn als Hecke ums Haus und nagelte Zweige an Stalltüren, damit das Vieh bewahrt blieb. Auch die Sprache trägt Spuren der Hecke. Das althochdeutsche hagazussa, aus dem unser Wort „Hexe“ wurde, scheint im ersten Teil mit „Hag“ verwandt zu sein. Ob damit ein Wesen gemeint war, das auf Zäunen saß, ist unter Sprachforschern offen – eine schöne, aber unbewiesene Deutung.
Winter · Die lange Frage nach dem Herzen
Als Heilpflanze spielte der Weißdorn in der Antike nur eine Nebenrolle, auch wenn Dioskurides ihn im ersten Jahrhundert erwähnte. Seine Karriere als Herzmittel begann erst im 19. Jahrhundert; die Extrakte aus Blättern und Blüten sind reich an Flavonoiden und oligomeren Procyanidinen. 2019 wählte der Würzburger Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde ihn zur Arzneipflanze des Jahres.
Die deutsche Kommission E hatte 1994 eine klare Anwendung festgeschrieben: nachlassende Leistungsfähigkeit des Herzens im Stadium II nach der Einteilung der New York Heart Association. Eine Cochrane-Übersicht von 2008 fasste 14 placebokontrollierte Studien zusammen: Bei Menschen mit chronischer Herzschwäche, die Weißdornextrakt zusätzlich zur üblichen Therapie nahmen, verbesserten sich Belastbarkeit, Atemnot und Erschöpfung etwas; Nebenwirkungen waren selten und mild. In der SPICE-Studie nahmen 2.681 Patienten zwei Jahre lang einen Spezialextrakt oder ein Placebo ein. Das Hauptziel, weniger Herzereignisse insgesamt, wurde nicht erreicht; nur in einer Untergruppe zeigte sich ein Hinweis auf weniger plötzliche Herztode – ein Ergebnis, das Fragen aufwirft, aber nichts beweist. Eine Auswertung der amerikanischen HERB-CHF-Studie fand sogar ein höheres frühes Risiko für ein Fortschreiten der Herzschwäche.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur zog 2016 eine nüchterne Konsequenz. Weißdornblätter mit Blüten gelten seither als traditionelles pflanzliches Arzneimittel: bei vorübergehenden nervösen Herzbeschwerden wie Herzklopfen, nachdem ein Arzt ernste Ursachen ausgeschlossen hat, sowie bei leichtem Stress und zur Unterstützung des Schlafs. Die Anwendung bei Herzschwäche hat sie nicht übernommen.
Was man (noch) nicht weiß: warum die Ergebnisse so auseinandergehen. Die Studien verwendeten unterschiedliche Extrakte und Dosierungen, und viele berichteten Todesfälle und Herzereignisse gar nicht. Auch über Wechselwirkungen weiß man wenig Sicheres. Die EMA führt in ihrer Monografie keine auf; Laborbefunde in ihrem Bewertungsbericht deuten an, dass Weißdorn an derselben Stelle angreifen könnte wie das Herzmittel Digoxin, doch ihre Aussagekraft stuft die EMA als begrenzt ein. Das Memorial Sloan Kettering Cancer Center nennt, ebenfalls auf Basis von Laborstudien, mögliche Effekte zusammen mit Blutverdünnern, und die amerikanische Gesundheitsbehörde NCCIH hält es für denkbar, dass die ungünstigen Befunde aus HERB CHF auf Wechselwirkungen mit den Herzmedikamenten der Patienten zurückgehen. Wer Herz- oder Blutdruckmittel einnimmt, sollte Weißdornpräparate deshalb nur nach Rücksprache mit dem Arzt verwenden – und eine ernsthafte Herzerkrankung nie selbst damit behandeln. Die Früchte in der Küche sind etwas anderes: ein Lebensmittel, kein Medikament. Für ein Glas Marmelade gelten keine Heilversprechen.
Und wieder Januar
Draußen ist die Hecke noch immer grau. Die Amsel hat die letzten Früchte geholt, und an den Dornen hängt nur Raureif. Man könnte meinen, hier geschehe nichts. Aber in den Knospen ist das nächste Jahr schon angelegt: das Grün, die weiße Wolke im Mai, die Nester, das Rot. Der Weißdorn wartet nicht. Er wacht – und hält, was das Jahr verspricht.
Quellen
Guo, R., Pittler, M. H., Ernst, E. (2008): Hawthorn extract for treating chronic heart failure. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 1, CD005312. DOI
Holubarsch, C. J. F. et al. (2008): The efficacy and safety of Crataegus extract WS 1442 in patients with heart failure: the SPICE trial. European Journal of Heart Failure, 10(12), 1255–1263. PubMed
Zick, S. M., Gillespie, B., Aaronson, K. D. (2008): The effect of Crataegus oxycantha special extract WS 1442 on clinical progression in patients with mild to moderate symptoms of heart failure. European Journal of Heart Failure, 10(6), 587–593. DOI
European Medicines Agency, HMPC (2016): European Union herbal monograph on Crataegus spp., folium cum flore (EMA/HMPC/159075/2014) und Assessment report (EMA/HMPC/159076/2014). EMA
Universität Münster, Botanischer Garten: Weißdorn – Arzneipflanze des Jahres 2019. uni-muenster.de
Deutsches Ärzteblatt: Weißdorn ist Arzneipflanze des Jahres 2019. aerzteblatt.de
National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Hawthorn. nccih.nih.gov
Memorial Sloan Kettering Cancer Center: Hawthorn (About Herbs). mskcc.org
Royal Botanic Gardens Kew, Grow Wild: Hawthorn. kew.org
BUND Schleswig-Holstein: Wildsträucher – Weißdorn. bund-sh.de
NABU: Rezept Weißdorn-Marmelade. nabu.de
Foraging Course Company: Hawthorn Ketchup Recipe. foragingcoursecompany.co.uk
DWDS – Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (nach Pfeifer): Hexe. dwds.de
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.
Merkblatt · Weißdorn
- Weißdorn ist ein Rosengewächs, verwandt mit Apfel und Birne.
- Als Heckenstrauch bietet er Insekten, Schmetterlingen und Vögeln Nahrung und Nistplatz.
- Früchte reifen ab Ende August: außen tomatenrot, innen mehlig, leicht süß.
- Kerne enthalten Amygdalin: Früchte kochen, durchsieben, Kerne nie mitpürieren.
- Beim Sammeln einen Teil hängen lassen – Wintervorrat für die Vögel.
- Nutzen fürs Herz umstritten; Präparate nur nach ärztlichem Rat, besonders bei Herzmedikamenten.
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