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Aus der Waldküche

Der Steinpilz: Ein Herr, der sich nicht zähmen lässt

Steinpilze haben einen hohen Anteil des Antikrebswirkstoff Ergothionein

Er wächst nur, wo ein Baum ihn nährt, und lässt sich nicht züchten: ein Porträt des Steinpilzes – mit Doppelgängern, Tschernobyl-Erbe, Ergothionein und den Regeln fürs Sammeln.

11. August 2025 · 8 Min. Lesezeit

Er steht da, als hätte er schon immer dort gestanden. Ein brauner Hut, matt glänzend wie gebackenes Brot, darunter ein bauchiger, heller Stiel, halb im Moos versunken. Ringsum riecht es nach nassem Nadelstreu und kühler Erde. Wer ihn zum ersten Mal findet, bleibt stehen, als sei er einer Berühmtheit begegnet. Und das ist er ja auch.

Ein Herr mit vielen Namen

Die Botanik nennt ihn nüchtern Boletus edulis, den essbaren Röhrling. Der Volksmund war großzügiger: Herrenpilz, Edelpilz, Steinpilz – Letzteres wohl wegen seines festen, fast unnachgiebigen Fleisches. Schon die Römer schätzten ihn, getrocknet sogar als Hausmittel gegen Hautausschläge und Bauchweh, wie das Lexikon der Biologie berichtet.

Er hat eine kleine Verwandtschaft, die ihm zum Verwechseln ähnlich sieht und ebenso gut schmeckt: den Sommersteinpilz im Laubwald, den Kiefernsteinpilz unter Kiefern und den dunklen Schwarzhütigen Steinpilz, der Eichen und Esskastanien liebt. Der Gemeine Steinpilz selbst ist der Weltgewandteste der Familie. Er kommt im Laub- wie im Nadelwald zurecht, mag sandige Böden mit einer Rohhumusauflage, und sein Hut kann über dreißig Zentimeter breit werden.

Verheiratet mit dem Wald

Was man sieht, ist nur die Frucht. Der eigentliche Pilz lebt unsichtbar im Boden: ein Geflecht aus feinsten Fäden, das sich um die Wurzelspitzen von Bäumen legt. Mykorrhiza heißt diese Verbindung, „Pilzwurzel“. Der Baum gibt Zucker aus seiner Photosynthese ab, denn der Pilz besitzt kein Blattgrün und kann sich nicht selbst ernähren. Im Gegenzug holt das Pilzgeflecht Wasser, Stickstoff und Phosphor aus Bodenporen, die keine Wurzel erreicht. Der Landesbetrieb Wald und Holz NRW beschreibt den Steinpilz als typischen Partner der Fichte; je nach Region verbindet er sich ebenso mit Buche, Eiche oder Kiefer.

Diese Treue hat eine Kehrseite, zumindest für uns: Der Steinpilz lässt sich nicht züchten. Champignons und Austernpilze wachsen auf Stroh, Kompost oder Holz, sie brauchen keinen lebenden Partner. Der Steinpilz dagegen braucht einen Baum, einen passenden Boden und das richtige Wetter zugleich. Eine Doktorarbeit an der Universität Vigo fasste 2023 den Stand zusammen: Bisherige Versuche, Jungbäume im Labor, im Topf oder im Freiland mit Steinpilz zu beimpfen, brachten keine verlässliche Ernte. Bis zur Ernte im Feld hat man es demnach bislang nur bei Trüffeln und dem Edel-Reizker geschafft. Jeder Steinpilz auf dem Teller stammt also aus einem Wald.

Jeder Steinpilz auf dem Teller stammt aus einem Wald.

Launen eines Wetterfühligen

Pilzsammler wissen es seit jeher: Nach warmem Regen muss man los. Wie genau das zusammenhängt, haben die Biologen Brejon Lamartinière und Hoffman von der Universität Bielefeld zehn Jahre lang beobachtet. Von 2015 bis 2024 suchten sie in Buchenwäldern bei Bielefeld täglich nach Steinpilzen. Ihr Ergebnis, bisher als Vorabveröffentlichung erschienen: Die meisten Fruchtkörper erschienen, wenn die Temperatur in den vorangegangenen rund zwanzig Tagen im Mittel bei etwa 13 Grad lag und es in den knapp vier Wochen davor ausreichend geregnet hatte. Der Pilz reagiert also nicht auf einen einzelnen Schauer, sondern auf den Boden, der sich über Wochen gefüllt hat. Wärmere, trockenere Herbste, vermuten die Autoren, könnten ihn künftig seltener erscheinen lassen. Seine Zeit reicht in Mitteleuropa grob vom Frühsommer bis in den Oktober.

Ein Gesicht, das man lernen muss

Wer ihn sicher erkennen will, schaut zuerst unter den Hut. Die Röhren sind beim jungen Steinpilz weiß, später gelblich bis olivgrün. Den oberen Stiel überzieht ein feines, helles Netz. Schneidet man ihn an, bleibt das Fleisch rein weiß; es verfärbt sich nie blau.

Sein häufigster Doppelgänger ist der Gallenröhrling. Er wächst an ähnlichen Orten, sieht auf den ersten Blick fast gleich aus und ist nicht giftig, aber ungenießbar: extrem bitter. Seine Röhren werden mit dem Alter rosa, das Netz am Stiel ist grob und dunkler. Wer unsicher ist, kann die Schnittfläche kurz mit der Zungenspitze berühren und dann ausspucken – Bitterkeit verrät ihn sofort. Schon ein einzelner im Korb kann ein ganzes Pilzgericht bitter machen.

Ernster ist der Satansröhrling, auch wenn er dem Steinpilz weniger ähnelt als sein Ruf vermuten lässt. Sein Hut ist silbrig- bis olivgrau, die Poren leuchten rot, der bauchige Stiel trägt ein rotes Netz, und älter riecht er unangenehm nach Aas. Er wächst in Laubwäldern auf Kalkboden. Tödlich ist er nicht, aber er kann heftigen Brechdurchfall auslösen. Eine alte Faustregel hilft hier: Röhrlinge mit roten Poren bleiben stehen, zumindest für alle, die keine Fachleute sind. Und wer nicht ganz sicher ist, zeigt seinen Fund einer Pilzberatung.

Was in ihm steckt

Seit einigen Jahren interessiert sich die Forschung für einen Stoff namens Ergothionein, ein schwefelhaltiges Antioxidans. Menschen können es nicht selbst herstellen, sie nehmen es mit der Nahrung auf – vor allem mit Pilzen und fermentierten Lebensmitteln. 2017 verglich ein Team der Pennsylvania State University um Robert Beelman 13 Pilzarten. Der Steinpilz hatte mit Abstand am meisten Ergothionein und auch am meisten Glutathion, ein zweites Antioxidans. Ob das vor Alterskrankheiten schützt, ist offen; Beelman selbst nannte die Hinweise darauf vorläufig.

Wie verwickelt die Sache ist, zeigte 2025 eine Studie aus dem Labor von Stavroula Hatzios an der Yale University: Bestimmte Darmbakterien können Ergothionein untereinander weiterreichen und zur Energiegewinnung nutzen. Ein solcher bakterieller Abbauweg war bei Menschen mit Darmkrebs häufiger aktiv. Das ist eine Beobachtung über Bakterien, keine Aussage darüber, dass Pilzessen schadet; die Forschenden sehen darin vor allem einen möglichen Ansatz für künftige Therapien. Für den Steinpilz bleibt es dabei: ein feines Lebensmittel, kein Heilmittel.

Ein langer Schatten aus dem Jahr 1986

Im Süden Deutschlands trägt der Waldboden noch immer eine Erinnerung an Tschernobyl. Das radioaktive Cäsium-137, das damals mit dem Regen niederging, zerfällt nur langsam, und Pilze nehmen es aus dem Boden auf. Das Bundesamt für Strahlenschutz misst jedes Jahr nach. Am stärksten belastet sind der Bayerische Wald, das Alpenvorland mit dem Berchtesgadener Land und der Region um Mittenwald sowie das Donaumoos südwestlich von Ingolstadt.

Die gute Nachricht: Der Steinpilz gehört zu den wenig belasteten Arten. In der Auswertung von 2025 lagen seine Werte 2024 zwischen etwa 29 und 190 Becquerel pro Kilogramm Frischmasse. Semmelstoppelpilze kamen im Bayerischen Wald auf bis zu 2.000. Für den Handel gilt ein Grenzwert von 600 Becquerel, für selbst gesammelte Pilze nicht. Zur Einordnung rechnet das Bundesamt vor: Wer ein Jahr lang jede Woche 200 Gramm Maronenröhrlinge mit 1.400 Becquerel isst, erhält zusätzlich etwa ein Zehntel der natürlichen Strahlendosis in Deutschland. Es empfiehlt, nicht mehr als 200 bis 250 Gramm Wildpilze pro Woche zu essen, auch wegen Schwermetallen wie Blei, Quecksilber und Cadmium.

Geschützt – und doch erlaubt

Dass man ihn überhaupt mitnehmen darf, ist eine Ausnahme. Der Steinpilz steht in der Bundesartenschutzverordnung und gilt als besonders geschützt. Paragraf 2 erlaubt jedoch, ihn wie Pfifferling und Rotkappe „in geringen Mengen für den eigenen Bedarf“ zu sammeln. Eine bundesweite Obergrenze gibt es nicht; der Kreis Euskirchen etwa nennt bis zu zwei Kilogramm pro Person und Tag. Verkaufen darf man Gesammeltes nicht, und in Naturschutzgebieten wie dem Nationalpark Eifel bleibt der Korb grundsätzlich leer. Man schneidet oder dreht den Pilz behutsam heraus, damit das Geflecht im Boden keinen Schaden nimmt, und lässt die alten, schwammigen Exemplare stehen. Sie tun, wofür der Pilz eigentlich gewachsen ist: Sie verstreuen ihre Sporen.

Zurück im Moos

Vielleicht ist das sein eigentlicher Charakter. Er lässt sich bewundern, sammeln, trocknen, in Risotto und Rahmsoße verwandeln – aber nicht besitzen. Kein Gewächshaus hat ihn je hervorgebracht. Er erscheint, wenn Baum, Boden und Wetter es wollen, und nur dort, wo ein Wald lebt. Wer ihn findet, findet also immer auch das, was unter ihm liegt: ein Netz aus Fäden und Wurzeln, Jahrzehnte alt, das weiter wächst, wenn der braune Hut längst im Korb ist.

Quellen

Spektrum der Wissenschaft: Steinpilze. Lexikon der Biologie. spektrum.de

Spektrum der Wissenschaft: Satanspilz. Lexikon der Biologie. spektrum.de

Preller, J. (2010): Eine feine Gesellschaft. Wald und Holz NRW, waldwissen.net. waldwissen.net

Iglesias Bernabé, L. (2023): Characterization of the main factors controlling Boletus edulis and Boletus reticulatus mycorrhization on chestnut hybrids (Castanea × coudercii). Dissertation, Universidade de Vigo. hdl.handle.net

Brejon Lamartinière, E., Hoffman, J. I. (2025): Predicting porcini: a decade of sporocarp monitoring reveals the meteorological triggers of Boletus edulis fruiting in central European beech forests. bioRxiv (Preprint, nicht begutachtet). DOI

Kalaras, M. D., Richie, J. P., Calcagnotto, A., Beelman, R. B. (2017): Mushrooms: A rich source of the antioxidants ergothioneine and glutathione. Food Chemistry, 233, 429–433. DOI

Penn State News (2017): Mushrooms are full of antioxidants that may have anti-aging potential. psu.edu

Zhou, Z. et al. (2025): Metabolic cross-feeding of a dietary antioxidant enhances anaerobic energy metabolism by human gut bacteria. Cell Host & Microbe. sciencedirect.com

Yale West Campus (2025): Mushroom-derived molecule drives microbial chemistry linked to colorectal cancer. yale.edu

Kabai, E., Hamer, A., Steiner, M. (2025): Radioaktive Kontamination von Speisepilzen. Aktuelle Messwerte (Stand 2025). Bundesamt für Strahlenschutz, BfS-70/25. bfs.de

Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV), § 2 Abs. 1 und Anlage 1. gesetze-im-internet.de

Kreis Euskirchen (2023): Informationen für Pilzsammelnde. kreis-euskirchen.de

Utopia: Verwechslungsgefahr beim Steinpilz (mit Verweis auf das Giftinformationszentrum Bonn). utopia.de

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung und keine Pilzberatung. Im Zweifel einen Pilzsachverständigen fragen.

Merkblatt · Der Steinpilz

  • Der Steinpilz lebt in Mykorrhiza mit Fichte, Buche, Eiche oder Kiefer.
  • Ohne lebenden Baumpartner kein Steinpilz – deshalb lässt er sich nicht züchten.
  • Erkennen: weißes Fleisch, nie blauend, feines helles Netz am Stiel.
  • Gallenröhrling: rosa Poren, grobes dunkles Netz, extrem bitter. Rote Poren: stehen lassen.
  • In Süddeutschland noch Cäsium aus Tschernobyl; Steinpilz gering belastet, max. 200–250 g Wildpilze pro Woche.
  • Besonders geschützt: nur geringe Mengen für den Eigenbedarf, nie im Naturschutzgebiet.

Meine Notizen

Der Steinpilz: Ein Herr, der sich nicht zähmen lässtthegardeninthewoods.de · hello@thegardeninthewoods.de